Kein leichtes Leben

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Der angehimmelte Vater

Geboren wurde Christoph Schmid am 15. August 1768 in der Klostergasse 19. Die Familie wohnte im Haus eines wohlhabenden Tuchmachers zur Untermiete. Der Arbeitsplatz des Vaters - das Deutschordensschloss- lag vor der Haustür. Dort war er für die Verwaltung der Güter in der Umgebung zuständig.

Mit Recht sah die protestantische Bevölkerung in den barocken Prunkbau eine Provokation. Der Orden hatte sich am Kreuzzug gegen die Türken, die bis nach Wien vorgedrungen waren, beteiligt und sich noch einmal Ansehen und Reichtum erworben. Sicher wollte man der vom katholischen Glauben abgefallenen Freien Reichsstadt seine wiedergewonnene Macht spüren lassen. Nur wenige, zumeist arme Leute waren in der Reformationszeit dem alten Glauben treu geblieben. Sehr zum Ärger der Lutheraner hatte ihnen in dem im Westfälischen Frieden vereinbarten Stichjahr die eindrucksvolle spätgotische Georgskirche gehört. Den Evangelischen blieb nichts anderes übrig, als ihre Gottesdienste in der bescheidenen Spitalkirche abzuhalten.

Als Beamter des Deutschen Ordens nahm Christophs Vater beim sonntäglichen Gottesdienst neben anderen Honoratioren im Chorgestühl platz. Mit Recht sah sein Sohn in ihm eine Autorität. Aus bescheidenen Verhältnissen war ihm mit der Verwaltungslaufbahn der Aufstieg geglückt. Er nahm sich Zeit für die Erziehung seines begabten Sohnes. Immer neue Belehrungen sollten ihn helfen, ein vernünftiger Mensch zu werden. Anschaulich schildert Christoph in seinen "Erinnerungen" diese Gespräche.

Dass sein Vater auch einen Hang zum Lebemann hatte, erfahren wir nebenbei. Zusammen mit einem befreundeten Priester aus Markt Lustenau besuchte er gerne den Dämmerschoppen in der Ratsstube, dem heutigen Rathaus. Christoph spürte, dass Seine Mutter Anstoß an diesen "Saufgelagen" nahm. Sie und ihre Schwester, die die Kinder gerne ärgerten, nehmen in den Erinnerungen wenig Raum ein. In dieser Zeit dominierten die Männer und Frauen hatten sich mit einer dienenden Rolle zu begnügen.

Die Entdeckung der schönen Seele

"Ich will Dich lieben Gottesmann als meiner Seele Bräutigam."

Angelus Silesius

Auf dem Gymnasium in Dillingen wurde Christoph von der Nachricht, dass sein Vater gestorben sei, überrascht. Sein früher Tod bedeutete für die kinderreiche Familie eine Katastrophe. Die Hinterbliebenenrente reichte nicht zum Leben. Die große Wohnung musste aufgegeben werden und hätte die Schwester nicht einen alten Rentier heiraten können, wäre die Familie auf der Straße gestanden.

Auch Christophs Schulbesuch konnte nicht mehr finanziert werden und es wurde über einen Brotberuf für ihn nachgedacht. Einer seiner Lehrer, jener Johann Michael Sailer, besorgte für den Halbwaisen ein Stipendium. Wie viele katholische Priester stammte er aus einem Bauernhof. Sein wacher Intellekt und seine große Empfindsamkeit machten ihn zu einer beeindruckenden, aber auch kämpferischen Erscheinung. Um einen persönlichen Glauben bemüht faszinierten ihn die Pietisten, die in ihren Gebeten oft von einer innigen Gotteserfahrung sprachen. Unterstützt von seinem aufgeklärten Fürstbischof wollte Sailer mit einem selbst verfassten Gebetbuch der Volksfrömmigkeit neue Wege weisen.

Nicht nur Katholiken ließen sich von der Strömung des Pietismus mitreißen. Seine sinnlich dichte Sprache motivierte junge Literaten, in ihren Werken das Innenleben ihrer Helden farbenreich auszumalen. Unter dem Titel eines ihrer Dramen "Sturm und Drang" wird diese Schule der Empfindsamkeit in die deutsche Literaturgeschichte eingehen.

Diesem Kult ging es um ein herzliches Miteinander. Oft wanderten seine Anhänger eng umschlungen durch die Straßen. Nicht alle Professoren am Dillinger Gymnasium fanden dem persönlichen Ton der jungen Kollegen gut. So mancher durch die freizügige Lektüre verführte Schüler weigerte sich, weiter lateinische oder griechische Vokabeln zu pauken. Dem Domkapitel in Augsburg wurde eine wachsende Respektlosigkeit unter der Schuljugend gemeldet.

Sicher gehörte der ängstliche Christoph nicht zu den Widerspenstigen. Aber auch er verschlang die empfohlenen Bücher. Klopstocks ekstatische Oden las er genauso begeistert wie Herders Schriften über die Völker der Welt. Selbst Goethes umstrittenes Buch "Die Leiden des jungen Werthers" konnte in der Schulbibliothek ausgeliehen werden. Die Briefe des Zwanzigjährigen verraten eine umfassende literarische Bildung und bezeugen ein großes, schriftstellerisches Talent.

Wonach sehnte sich seine empfindsame Seele?

Auch das verraten die Briefe dieser Jahre. Unübersehbar zog es ihn hin zum anderen, zum schönen Geschlecht. Auch Sailer, ein großer Psychologe, hat das gespürt und er empfahl einer adligen Familie den Abiturienten als Hauslehrer. Sehr lange hat Christoph es dort nicht ausgehalten. Wahrscheinlich trieb ihn die Einsamkeit zurück nach Dillingen, wo er das Theologiestudium aufnahm.