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behinderungIn dem Hörbild  "Spastis klatschen! - Gewalt gegen Behinderte" war von westdeutschen Jugendlichen die Rede, die einem behinderten Mann mit Hitlers Gaskammern Angst machten. Auch ostdeutsche Skins, die Kinder mit Spasmen prügelten, verrieten eine erschreckende Verrohung. Die Täter sind junge Erwachsene, deren Großeltern den Faschismus noch hautnah erlebt haben. Warum schwärmen diese Spätgeborenen für den Führer und seine End-Lösungen? das fragte Margot Litten -die federführende Autorin - den Schriftsteller und Philosophen Ralph Giordano (Jahrgang 1923).

 

 

Ein eindrucksvoller Zeitzeuge

Giordano verkörpert ein Stück deutscher Geschichte. Als junger Mann war sein Großvater aus Sizilien nach Norddeutschland eingewandert. Er machte als Dirigent Karriere. Giordano selbst wurde als Sohn eines Pianisten und einer jüdischen Klavierlehrerin in Hamburg-Barmbek geboren. Aufgrund der Nürnberger Gesetze musste der 17-jährige noch vor dem Abitur das renommierte humanistische Gymnasium "Johanneum" verlassen. Dort war er eng mit dem Mitschüler Walter Jens befreundet. "Zusammen mit seiner Familie war Giordano zahlreichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt. Dreimal verhörte die Gestapo den jugendlichen, misshandelte ihn und sperrte ihn ein. Giordano selbst, seine beiden Brüder und die Eltern konnten bis zur Befreiung durch die Briten am 4. Mai 1945 in einem Keller in Hamburg-Alsterdorf überleben, in dem sie sich über mehrere Monate verstecken mussten, als die Deportation der Mutter drohte. (Quelle: wikipedia)

Die "zweite Schuld"

"1987 erschien sein Buch "Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein", in dem Giordano sich mit dem Fortleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt. Als zweite Schuld bezeichnet er den Unwillen breiter Teile der deutschen Öffentlichkeit zu einer Aufarbeitung der Verbrechen und Entschädigung der Opfer sowie die politischen Entscheidungen, die es Mittätern ermöglichten, auch in der Demokratie wieder in Amt und Würden zu gelangen. Mit dieser Schrift zog er in besonderem Maße den Hass von Neonazis auf sich." (Quelle: wikipedia)

Von den Schwierigkeiten, sich seine Verführbarkeit einzugestehen

Wenn wir uns unsere hässlichen Seiten nicht ansehen wollen, spielt nicht nur "Unwillen" eine Rolle. Das verrät die Biographie von Walter Jens. Er kam wie Giordano 1923 in Hamburg auf die Welt. Sein Vater war Bankdirektor und seine Mutter Lehrerin. Auch er wurde ins Johanneum geschickt. Jens war Hitlerjunge. Als Student trat er in den NS-Studentenbund ein. Er verschwieg, dass er seit dem 1. September 1942 als Mitglied der NSDAP geführt wurde. Wegen seines schweren Asthmaleidens war er vom Kriegsdienst freigestellt worden. (Quelle: wikipedia)

Nach dem Krieg gehörte Walter Jens zu den tonangebenden Linksintellektuellen der jungen Bundesrepublik. In seinen offiziellen Lebensläufen unterschlug er seine NS-Mitgliedschaften. Auch sein Schriftstellerkollege Günter Grass machte nie öffentlich, dass er sich als junger Mann freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte.

Zum Verstehen der jugendlichen Aggressionen gegen Behinderte leistet das Giordano-Interview allerdings keinen Beitrag.

Rechtsradikale als Medienstars

In einem Bus in Halle hatten junge Glatzköpfe Kinder mit Spasmen angepöbelt. Mit der ihr eigenen Dramatik vergleich die Autorin die Stadt mit einer "geschundenen Schönen". Die Reporter des Bayrischen Rundfunks sind sichtlich verärgert. Kein Passant in der Fußgängerzone will, auf den Vorfall angesprochen, vor dem Mikrophon Betroffenheit zeigen. Ein junger Mann schreit die Autorin an. Sie solle gefälligst erst einmal in ihrer bayrischen Heimat nach Fremdenhass fahnden.

Fünf Minuten lang müssen wir uns anhören, was zwei junge, angesoffene Skins uns zu sagen haben. Sie stellen sich als Andreas und Latte vor und sind in einem der Neubauviertel aufgewachsen. Sie verkaufen sich als "echte" Rechte. Die verprügeln "nur" Ausländer. besonders gerne Vietnamesen. Denn wenn sie als kleine Jungs in die Kaufhalle kamen, gab es meist keine Schokolade mehr. Die war tonnenweise aufgekauft worden und bereits auf dem Weg nach Vietnam!

Behinderte zu schlagen und dann auch noch Kinder- das finden Andy und Latte primitiv. Es kann kein rechter Schlägertrupp gewesen sein und wenn ja, dann fehlte ihm noch das richtige politische Bewusstsein.

Muss man solchen vollgesoffenen Rabauken wirklich eine Bühne zur Verfügung stellen?

Ein wirres Panoptikum

Nichts wird in dieser Sendung ausgelassen: die Verbrechen der Nazis und die unbewältigte Vergangenheit, die neu geführte Euthanasie-Debatte, sexuelle Übergriffe in Behindertenheimen. Jede geschilderte Gräueltat wird dann auch noch mit schriller Technomusik untermalt. Für wichtig gehaltene Einsichten werden mit schwermütigen Saxophon klängen unterlegt.

Ich habe aufgeatmet, als die Sendung endlich vorbei war. Was man auch hörte: alles war ganz schrecklich und keiner hatte den Mut, dagegen anzugehen.

Gibt es eine Alternative zu dieser gut gemeinten moralischen Aufrüstung?


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