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Kurz vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl ist ein Sammelband erschienen, der - früher veröffentlicht und diskutiert - vielleicht die Wahlchancen der Linkspartei verbessert hätte.

 

Linke_Metropolenpolitik._Erfahrungen_und_Perspektiven_am_Beispiel_Berlin

 

 

Andrej Holm, Klaus Lederer, Matthias Naumann (Hrsg.)

"Linke Metropolenpolitik. Erfahrungen und Perspektiven am Beispiel Berlin"

Verlag Westfälisches Dampfboot

Reihe Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis Band 12 - 193 Seiten - EUR 19,90

ISBN: 978-3-89691-881-9


 

 

In diesem Sammelband wird u.a. die Wohnungspolitik der rot-roten Berliner Regierung diskutiert. Andrej Holm (S. 93 f.) beurteilt sie nicht nur in seiner Einleitung kritisch: " Steigende Mieten in fast allen Stadtbezirken, fast 150.000 privatisierte Wohnungen, massive Verdrängungsprozesse in den Ostberliner Sanierungsgebieten, quasi Einstellung der Förderprogramme für Wohnungsbau und Modernisierung, Räumung von alternativen Hausprojekten.

Die Bilanz der rot-roten Wohnungspolitik in Berlin ist auf den ersten Blick verheerend. Auch nach genauerem Hinsehen wird der Eindruck nicht viel besser.

"Investoren freuen sich über steigende Mieten" (Schönball 2010), "Mieten wie in München" (Paul 2010), "Investoren können gut verdienen" (Eltzel 2010) "Steigende Mieten in Berlin: Wohnungen werden Mangelware" (Mei 2010). Solche und ähnliche Schlagzeilen sind symptomatisch für die Berichterstattung zur Preisentwicklung in den letzten Jahren.

Fast überall in Berlin steigen die Bestands- und vor allem die Neuvermietungsmieten. Die Wohnungsmarktanalysen des Immobilienverbandes Deutschlands Berlin-Brandenburg (2009, 2010) und der GSW Wohnungsmarktreport (die GSW ist eine der größten, mittlerweile privatisierten Wohnungsbaugesellschaften Berlins) (GSW 2010) geben die durchschnittlichen Neuvermietungsmieten mit 5,85 bzw. 5,95 Euro/qm (nettokalt) an - Werte, die über 20 Prozent über den Mietspiegelwerten von 2009 lagen. Im Gegensatz zu den relativ geringen Spannenwerten des Mietspiegels weisen die Neuvermietungsmieten dabei sehr hohe Differenzen auf, und in den innerstädtischen Aufwertungsgebieten liegen die Mietpreise bei neuen Vertragsabschlüssen mittlerweile bei über 10 Euro/qm (nettokalt). Insbesondere Haushalte mit geringen Einkommen haben es dadurch schwerer, eine angemessene Wohnung zu finden. Langfristig gehen höhere Vermietungsabschlüsse in kommende Mietspiegelerhebungen ein und werden so zu einer weiteren Steigerung der Mietspiegelwerte beitragen und dadurch Mietsteigerungen im Bestand rechtfertigen. Die Mieterhauptstadt Berlin ist in der Gefahr, sich zur Hauptstadt der Mietsteigerungen zu entwickeln.

Die fast flächendeckend steigenden Mieten sind nicht allein auf Marktdynamiken zurückzuführen, sondern müssen als sichtbare Oberflächen einer umfassenden wohnungspolitischen Destruktion verstanden werden. Denn die Haltung marktwirtschaftlicher Mechanismen ist immer nur so stark, wie es die politisch-administrativen Eingriffe zulassen. Die auch in den letzten Jahren fortgesetzten Wohnungsprivatisierungen, die faktische Einstellung von Förderprogrammen und die Liberalisierung des Bau- und Städtebaurechts, markieren die wohnungspolitische Agenda der letzten Dekade und damit auch die Stadtpolitik der Regierungskoalition von SPD und PDS bzw. Linkspartei."

Unbestritten spielt die Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen in der Linkspartei eine größere Rolle als in der SPD. Leider sorgen Mitglieder der Linkspartei, die die Verhältnisse in der ehemaligen DDR schön reden oder für kommunistische Utopien schwärmen, immer wieder für negative Schlagzeilen. Gerade weil immer mehr Menschen das Vertrauen in die wirtschaftlichen Kompetenzen von Konservativen und Liberalen verlieren, könnten Linke durch ein überzeugendes Auftreten neue Wählerschichten für sich gewinnen. In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt wäre man als Bürgerin dankbar, wenn nachvollziehbare Einsichten in die Ursachen der sich verschlechternden Lebensverhältnisse vermittelt würden. Warum billiger Wohnraum in Berlin immer knapper wird, habe ich nach der Lektüre dieses Beitrags besser verstanden.

Auch in Berlin wurde das Baurecht liberalisiert und das Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum abgeschafft. Aber die Hauptursache für den Rückgang an billigem Wohnungen ist sicher der radikale Abbau von Sozialwohnungen. Auf den ersten Blick ist Berlin mit nur 15 Prozent selbst genutzten Eigentumswohnungen noch immer die Mieterhauptstadt Europas. 75 Prozent der Wohnungen sind im Besitz von Hauseigentümern oder Wohnungsbaugesellschaften. Der Anteil der Genossenschaftswohnungen (186.000) liegt bei 10 Prozent. 2010 waren immerhin noch 14 Prozent der Wohnungen (268.000) in städtischen Besitz. Fast jede 10. Wohnung (161.000) hat den Status einer Sozialwohnung und unterliegt deshalb besonderen Miet- und Belegungsregeln. Bereits diese wenigen Zahlen zeigen, dass die Politik Einfluß auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes nehmen kann. In welcher Weise hat sie diese Möglichkeit in den letzten Jahrzehnten genutzt?

Anfang der neunziger Jahre waren noch 28 Prozent (480.000) der Wohnungen in landeseigenem Besitz. Zu Beginn der Regierung von SPD und PDS besaß das Land noch 400.000 Wohnungen. Die Politik der Privatisierung wurde von der neuen Regierung fortgesetzt und der Druck auf die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, Gewinne zu erzielen, erhöht. 2004 wurde die GSW mit ihren 64.000 Wohnungen komplett an ein internationales Finanzkonsortium verkauft, dem u.a. auch die Bank Goldmann Sachs angehörte. In der ersten rot - roten Legislaturperiode wurden 140.000 Wohnungen privatisiert. Um die hohen Schulden des Landes abbauen zu können, verzichtete die Politik auf wichtige Steuerungsresourcen. Die Nachfolgeregierung stufte den Komplettverkauf der GSW als "politischen Fehler" ein und vereinbarte in den Koalitionsverhandlungen, die Politik der Privatisierungen nicht fortzusetzen. Trotzdem wurden auch in dieser Legislaturperiode weitere 7.000 Wohnungen veräußert. Innerhalb von zwanzig Jahren hat sich also der städtische wohnungsbesitz auf 14 Prozent der Wohnungen verringert. Nimmt man die Wohnungen hinzu, die mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus gefördert wurden, dann kann der Senat bei der Belegung von etwa 300.00 Wohnungen mitbestimmen. Diesem Angebot stehen allein schon 350.000 Bedarfsgemeinschaften gegenüber, die aufgrund der Hartz-IV-Regelungen Anspruch auf preiswerten Wohnraum haben.

Bereits diese wenigen Zahlen zeigen, dass sich die Wohnsituation in Berlin drastisch verschlechtert. Die immer schneller wachsenden Mieten werden in den kommenden Jahren immer mehr Menschen politisieren und die regierenden Parteien unter Druck setzen. Wenn sich die Politik weiter in erster Linie auf den Schuldenabbau konzentriert, werden auch bei uns mehr Menschen auf die Barrikaden gehen.


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