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gaensebluemchenAls Kind gehörte es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, Blumensträuße zu pflücken. Damit begann ich im März, wenn im sumpfigen Gelände am Schlössleinsbuck die ersten Schlüsselblumen blühten. Wenn es wärmer wurde, wucherten am Ufer des kleinen Baches prachtvolle Dotterblumen. In einem Strauß ist die Schönheit der bescheidenen Gänseblümchen nicht mehr zu übersehen. Ich bestaunte das zarte Weiß der Blütenblätter und die kleinen Sonnen mit ihrem an die Schlüsselblumen erinnernden zarten Gelb. Der dünne Stängel des Gänseblümchens hat die Qualität eines Fadens. Gerne schmückten wir Kinder uns mit prachtvollen Kränzen aus Gänseblümchen. Der Name erinnert daran, dass die Gänse schon früh diese köstlich schmeckenden Blüten entdeckt haben.

Einmal fand ich ein Gänseblümchen, dessen Stängel kurz vor der Blüte geknickt war. Mich beschäftigte sein "Unglück" und ich verhalf der Blüte in einem Schälchen Wasser zu einen flüchtigen Überleben. Erst sehr viel später begriff ich, warum sich mir das Bild dieser bedrohten Blüte so tief eingeprägt hatte.

 

Wie wir uns im Außen wiedererkennen

Ich empfand eine seltsame Nähe zu diesem geknickten Gänseblümchen. Auch mein Leben hatte mit einen Knick begonnen. Ich kam am 15. November 1944 auf die Welt. Beim Einsetzen der Wehen verlor meine Mutter zu schnell ihr Fruchtwasser. Sie brauchte noch Stunden, bis sie mich endlich mit letzter Kraft herauspressen konnte. Durch die große Anstrengung hatten sich ihre Brustwarzen entzündet. Sie konnte mich nicht stillen. Anfangs erbrach ich die eingeflößte Kuhmilch. Auf der Säuglingsstation wütete eine Magen-Darm-Grippe. Ich war einer der wenigen, die überlebt haben. An diese frühe Zeit erinnerten meine dünnen Beine, die schon früh versteiften, um den großen, schweren Kopf tragen zu können.

Dieses kleine Tal, das ich als Kind so gerne aufgesucht habe, begann in den sechziger Jahren zu sterben. Die alte Mühle an der Straße nach Dürrwangen wurde abgerissen. Auf der linken Anhöhe baute der ADAC einen modernen Campingplatz. Die rechte Seite wurde immer mehr von der sich ausdehnenden VDK-Siedlung in Beschlag genommen. Dort fanden nach dem Krieg viele vertriebene ein neues Zuhause. Heute reihen sich an ihrem Rand Ein- Familien-Häuser dicht aneinander. Die dort aufwachsenden Kinder wissen nichts von meinem verloren gegangenen Paradies.

 

Der Löwenzahn

loewenzahnIch war bereits erblindet, als ich mir an meinem linken Bein einen Löwenzahn tätowieren ließ. Auf meinem Fußballen ist eine kräftige Wurzel zu sehen. An meinem Knöchel vorbei schiebt sich der grüne Stängel nach oben. Wie ich mich als Kind im geknickten Gänseblümchen gespiegelt fand, entdeckte ich im Löwenzahn meine Lebensaufgaben. Diese Erkenntnis verdanke ich Rudolph Steiner und seiner Pflanzenkunde. In einem anthroposophischen Kräuterbuch sprach mich vor allem das Bild des Löwenzahns an. Im Gegensatz zum Gänseblümchen ist er ein Tiefwurzler. Es ist nicht einfach, ihn zusammen mit seiner weit verzweigten Wurzel auszugraben. Schließlich hält man einen kompakten Wurzel-Leib in den Händen. Von ihm gehen zahlreiche Arme ab. Oft habe ich das Gefühl, ein Erdgnom würde mich prüfend ansehen.

Der Stängel der Blume scheint wie in einem Höhenrausch nach oben zu schießen. Da er aus einem Rohr besteht, das innen mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, trotzt er selbst heftigen Windböen. die langen Blätter weigern sich, den Kontakt mit der Erde aufzugeben. Sie scheinen zwischen Drang nach Außen und Rückzug nach innen hin und her zu schwanken. Die auf diese Weise entstandenen Zacken geben dem Blatt etwas Kämpferisches. Die grüne Kapsel, die sich am Ende dieses übergroßen Stängels bildet und allmählich anwächst, spricht unseren Schönheitssinn nicht an. Erst wenn sie sich öffnet und ihren Schatz an unendlich vielen, sonnengelben Zungen freigibt, gerät man ins Staunen. Wenn sich eine ganze Wiese in einen solchen Sonnen-Teppich verwandelt, hat der Frühling endgültig gesiegt.

loewenzahn-dsc02968Als "Puste-Blume" übt sie noch einmal, aber diesmal einen ganz anderen Zauber aus. Seine gereiften Samen hängen an einem "Fallschirm" und können deshalb vom Wind über weite Strecken getragen werden. Selbst die verlassene, halb kugelförmige Startbahn erinnert mit ihren vielen Löchern an einen fernen Planeten.

 

 

 

 

Ein anderer Zugang zur Wirklichkeit

Ich war bereits um die Fünfunddreißig und hatte die akademische Welt schon lange hinter mir gelassen, als ich wieder offen wurde für andere Verstehensweisen. An der Uni, wo ich einmal Lehrer ausgebildet hatte, hätte ich mit meinen Pflanzenbetrachtungen nur Spott und Hohn geerntet.

Es war Johann Wolfgang von Goethe dem Steiner die Vorstellung verdankte, dass sich in der sichtbaren Wirklichkeit ein innerer Vorgang zum Aus-Druck bringt. Goethe bemühte sich in seinen naturwissenschaftlichen Studien, diese Innen-Seite zu erfassen und damit dem Prozess des Lebendigen auf die Spur zu kommen. Dieses Vorgehen machte ihn schon zu seiner Zeit zu einem Außenseiter. Denn die sich durchsetzende Naturwissenschaft wollte zu den Ur-Sachen der Welt vorstoßen und gerade jeden subjektiven Zugang ausschließen. Da aber jedes Erkennen interessengeleitet ist, kamen vor allem die Aspekte der Wirklichkeit in den Blick, die man mit den vorherrschenden Methoden (be)greifen konnte oder die sich nutzen ließen. Diesem verengten Blick lieferte Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie sogar noch eine wissenschaftliche Rechtfertigung. Nach seiner Sicht überleben im ständigen Konkurrenzkampf nur die Arten, die sich den wandelnden Bedingungen am besten anpassen konnten und können und sich dabei als nützlich erweisen.

Nachdem Darwin diesen Kurz-Schluss in seinem Buch "Vom Ursprung der Arten" öffentlich gemacht hatte, wurde er in den folgenden Jahren immer häufiger von Angst- und Panikattacken heimgesucht. Trost suchte der Naturforscher in seinem großen Garten und auf den täglichen Spaziergängen durch die Wälder am Stadtrand von London. Aber seine Weltanschauung hatte ihn blind gemacht für all die Schönheit um ihn. Was rings um blühte und gedeihte, widerlegte glücklicherweise auf Schritt und Tritt, dass die Natur nur dem Nützlichen ein Lebensrecht zugesteht.

 

Um die Konzentrationskraft der Leserinnen und Leser nicht zu überfordern, will ich die Einsichten, die ich dem Löwenzahn verdanke, ein anderes Mal mitteilen.


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