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Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. und seine Denk-Welten - Gedanken zur Persönlichkeit des Heiligen Vaters

Der Theologe Dr. Joseph Alois Ratzinger, der inzwischen auch Oberhaupt der katholischen Kirche ist, hat den zweiten Band seiner Jesus-Biographie vorgelegt. In vielen Kommentaren wird lobend erwähnt, dass sich der Papst von der These einer Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu distanziert.

Diese Sicht vermittelt der Evangelist Matthäus in seiner Leidensgeschichte. Er entschuldigt die römische Besatzungsmacht, die Jesus zum Tode verurteilt hat. In Matthäus Darstellung setzt sich der römische Statthalter Pontius Pilatus vor dem versammelten Volk von Jerusalem für den in seinen Augen unschuldigen Jesus ein. Mit dem Vorschlag einer Amnestie will er das Leben des Angeklagten retten. Aber der jüdische Pöbel besteht auf der Kreuzigung. 

Auch der Apostel Judas wird bei Matthäus zu einer zwielichtigen Erscheinung. Scheinheilig nähert er sich im Garten von Gethsemane Jesus und verrät ihn mit einem Kuss den mitgebrachten Häschern. Seinen verrat lässt er sich von den Hohepriestern mit dreißig Silberlingen bezahlen. Später schämt er sich für seine Tat und erhängt sich.

 

Ein griffiges, antijüdisches Klischee

Viele Christen, die im Laufe der Jahrhunderte der Leidensgeschichte des Matthäus zuhörten, nahmen sich seine Bilder zu Herzen. Judas und wahrscheinlich alle Juden, so folgerten sie, sind unehrliche Menschen. Für Geld tun sie alles und hinterher stehen sie nicht einmal zu ihrem perfiden Verhalten. Dieser Evangelist hat der gerade entstehenden Christenheit ein griffiges, antijüdisches Klischee mit auf den Weg gegeben.

Oft verließen Gläubige nach dem Karfreitags-Gottesdienst empört die Kirchen, um die verhassten Juden in ihrer Stadt zu morden und ihre Häuser zu plündern. Selbst wir können uns, wenn wir Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion hören, der suggestiven Wirkung dieser Leidensgeschichte nicht völlig entziehen.

 

Warum hat der Evangelist diese Hetzschrift verfasst? 

Die Bibelforscher nehmen an, dass das Matthäus-Evangelium wenige Jahre nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (im Jahre 70 nach Christus) niedergeschrieben wurde. Es enthält auch sehr berührende Abschnitte wie die Bergpredigt. Die dort erzählten Gleichnisse lassen etwas vom Wesen des historischen Jesus ahnen. Matthäus - ein Christ gewordener Jude - sieht in der Vertreibung der Juden aus ihrer Heimat einen Strafakt Gottes, weil sie Jesus nicht als den ihnen verheißenen Messias akzeptiert hatten.

Katastrophen erschüttern die Menschen und lassen sie nach einem Sinn suchen. In solchen Zeiten haben Verschwörungstheorien und Rachefantasien Hochkonjunktur. Im Holocaust sahen orthodoxe Juden ebenfalls eine Strafmaßnahme Gottes. Viele Juden waren in der Neuzeit den Glauben ihrer Väter untreu geworden. Was aber muss das für ein Gott sein, der so brutal und unbarmherzig selbst gegen sein auserwähltes Volk vorgeht?

 

Die geschichtliche Situation

Zu Jesu Zeiten wurde in Jerusalem fast täglich gekreuzigt. Der römische Statthalter wird sich kaum ernsthaft mit einem Gefangenen auseinandergesetzt haben, der laut Anklage Hoher Priester König der Juden werden wollte. Die dreißig Silberlinge, die Schriftgelehrte Judas für seinen verrat gezahlt haben sollen, waren als Währung schon über vierhundert Jahre nicht mehr im Umlauf. Der Verfasser

der Apostelgeschichte, die etwa zwei Jahrzehnte vor dem Matthäusevangelium aufgeschrieben wurde, hatte noch Kontakt zu Zeitzeugen. Sie Berichteten, das der gekreuzigte nach seiner Auferstehung allen zwölf Aposteln erschienen ist. Also kann sich Judas nicht umgebracht haben. Es ging Matthäus bei seiner Leidensgeschichte nicht um eine Darstellung der wirklichen Ereignisse. Mit seinem Zerrbild wollte er verstörte Juden bewegen, sich der christlichen Gemeinde anzuschließen.

 

Geben Evangelien das Wort Gottes wieder? 

In jedem Karfreitagsgottesdienst wird die Leidensgeschichte nach Matthäus vorgelesen. Der Priester schließt mit dem Ausruf "Wort des lebendigen Gottes". Die Gemeinde antwortet mit "Lob sei Dir, Christus!".

Da Matthäus mit seiner Geschichte Hass gegen die Juden gepredigt hat, wirkt der Hinweis auf Gottes Wort blasphemisch. Zu viele Juden haben im Laufe der Jahrhunderte diese verhängnisvolle Hasspropaganda mit ihrem Leben bezahlen müssen. Es ist zu wenig, sich nur von der Kollektivschuldthese des Evangelisten zu distanzieren.

 

Das Dilemma der Offenbarungsreligionen

Judentum, Christentum und Islam berufen sich auf Selbstmitteilungen Gottes. So berichtet Mohammed in den ersten Suren des Korans von seinen ekstatischen Gottesbegegnungen. Die hebräische Bibel schildert in vielen Varianten das Zwiegespräch zwischen Gott und seinem auserwählten Volke.

Bibelforscher bezweifeln inzwischen, dass Moses gelebt hat. Auch die ihm zugeschriebenen Taten konnten bisher nicht durch andere Quellen gestützt werden. Selbst wenn der Auszug aus Ägypten und die vierzigjährige Wanderung durch die Wüste nicht stattgefunden haben, sind diese Geschichten elementarer Teil des jüdischen Selbstverständnisses geworden.

Auf einer etwa 1 250 Jahre vor Christi Geburt errichteten Säule in Ägypten wird zum ersten Mal das Wort "Israel" erwähnt. Archäologen haben herausgefunden, dass damit ein in Kanaan vorkommender Haustyp gemeint ist. Ihn bewohnten Sklaven, die aus den kanaanitischen Stadtstaaten geflüchtet waren. Diese Menschen müssen sich in den folgenden Jahrhunderten zum "Volk Israel" zusammengefunden haben. Sie entwickelten mit der Zeit ein sich von ihrer heidnischen Umwelt unterscheidendes, religiöses Selbstverständnis.

Bereits diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass man sich den "Heiligen Schriften" dieser Weltreligionen nicht naiv nähern kann. Sowohl im Judentum wie im Christentum gibt es seit zweihundert Jahren das Bemühen, den Wahrheitsgehalt dieser Überlieferungen historisch-kritisch zu untersuchen. Im Islam hat diese kritische Selbstbefragung noch nicht begonnen.

 

Der Heilige Vater zwischen Tradition und Aufklärung

1927 kam Joseph Ratzinger im ländlichen Niederbayern als zweiter Sohn eines Gendarmeriemeisters (Polizisten) auf die Welt. Seine Mutter stammt aus einer Handwerkerfamilie und trug als Köchin zum finanziellen Unterhalt der Familie bei. Der hochbegabte Schüler kam als Zehnjähriger an das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael in München. Seine Lehrer beeindruckte sein enormer Ehrgeiz. Mit Hilfe der "Mutter Kirche " gelang dem Jungen aus der bayrischen Provinz ein schneller Aufstieg. Bereits in jungen Jahren wird er zum Theologieprofessor berufen. Der Kölner Kardinal nimmt ihn als Berater mit nach Rom zum II. Vatikanischen Konzil. Viele deutsche Katholiken, die auf eine Reform der Kirche drängen, sehen in ihm einen Hoffnungsträger. Andere bleiben skeptisch und unterstellen ihm konservative Neigungen. Bis heute ist er ein schwankender Wanderer zwischen Tradition und Aufklärung.

Während seines Theologiestudiums hat sich Ratzinger auch mit der historisch-kritischen Bibelforschung auseinandergesetzt. Er weiß, dass es nicht mehr ausreicht, fromm zu sein und sich im Kult der Kirche zuhause zu fühlen. Gleichzeitig hat er diesen Kult in der Nachkriegszeit als eindrucksvoll kennengelernt. Nach den schlimmen Erfahrungen in der Nazizeit bemühte sich die katholische Kirche, an den Glanz früherer Zeiten wieder anzuknüpfen. Der Gedanke an eine Reform wurde lange verdrängt.

Ratzinger ist ein Kind dieser widersprüchlichen Zeit. Er möchte intellektuell überzeugen und sehnt sich zurück nach der allein seligmachenden Kirche. Tapfer spricht er den sexuellen Missbrauch in ihr an und bittet die Opfer um Entschuldigung. Er geißelt homosexuelles Begehren als Verstoß gegen das göttliche Sittengesetz. Dabei spricht er als Mitglied einer Klerikerkirche, die seit Jahrhunderten eine homoerotisch geprägte Männergemeinschaft bildet. Vehement verteidigt er das Zwangs-Zölibat (die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit) und lehnt es ab, Frauen zum Priesteramt zuzulassen.

Auf seine Anweisung hin wird im Karfreitagsgottesdienst wieder für die "perfideis" (lateinisch: treulosen) Juden gebetet. Das II. Vatikanische Konzil hatte diese Fürbitte abgeschafft, um ein Zeichen der Versöhnung mit den Judentum zu setzen. Solche Peinlichkeiten, die mit Recht für Irritation und Empörung sorgen, nimmt der Papst offenbar ohne jeden Selbstzweifel in Kauf. Er gibt sich gütig und herzlich und belehrt weiter, statt sich einmal auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Ob er damit seiner Kirche wirklich einen Dienst erweist, wird sich noch herausstellen.


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