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Thilo Sarrazin - ein Blick auf einen äußerst erfolgreichen und zugleich unzufriedenen Menschen

Mit Recht ist Thilo Sarrazin stolz auf seine hugenottischen Vorfahren. Sie kamen aus Burgund, wo sie im katholischen Frankreich wegen ihres evangelischen Glaubens verfolgt wurden. Über Genf flüchteten sie nach Westfalen. Viele dieser Hugenotten waren gut ausgebildet und sorgten in ihrer neuen Heimat für wirtschaftlichen Aufschwung.

Thilo Sarrazin kam im Februar 1945 auf die Welt. Sein Vater war Arzt und mit der Tochter eines westpreußischen Gutsbesitzers verheiratet. Vielleicht war die Familie auf der Flucht, weil der Junge in Gera geboren wurde. In Recklinghausen wuchs Er mit einer Schwester und zwei Brüdern auf.

Flüchtlinge waren auch im westlichen Teil Deutschlands selten willkommen. Im Dinkelsbühl, meiner fränkischen Heimat, wurde ich als Kind losgeschickt, wenn das Sterbeglückchen zu hören war. Ich musste den Mesner nach den Namen des Toten fragen. Manchmal brummte er: "Nur ein Flüchtling!"

 

Bildungsbürger alter Schule

Thilo Sarrazin und ich besuchten ein humanistisches Gymnasium. Wir paukten lateinische Vokabeln. Ich kann Teile von Homers "Odysse" in Alt-Griechisch aufsagen. Erst als dritte Sprache büffelten wir Englisch. Sommer 1965 erhielten wir unser Reifezeugnis.

Während ich den Kriegsdienst verweigerte, absolvierte Thilo Sarrazin einen zweijährigen Wehrdienst. 1967, als wir im Hofgarten gegen die drohenden Notstandsgesetze demonstrierten, immatrikulierte er sich an der Bonner Universität als Student der Volkswirtschaftslehre. 1971 schloss er das Studium mit dem Diplom ab. Die nächsten zwei Jahre war er Assistent am Institut für Industrie- und Verkehrspolitik.

Beide waren wir aus Sympathie für Willy Brandt in die SPD eingetreten.

 

Eine aufregende Zeit

Ich wechselte Ostern 1968 von Münster an die Freie Universität in Westberlin. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke stand der Campus unter Schock. Noch gab es an der Philosophischen Fakultät keine Möglichkeit, ein Diplom zu machen. Ich beendete mein Studium der Erziehungswissenschaften mit einer Magisterarbeit. Anschließend erlaubte mir ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in Ruhe meine Doktorarbeit zu schreiben. Auch ich erhielt ein "magna cum laude". Doch bin ich mir sicher, dass Thilo Sarrazin in seine Arbeit "Ökonomie und Logik der historischen Erklärung" sehr viel mehr Fleiß und Wissen investiert hat als ich in die meine. Sie beschäftigte sich mit der Frage, warum wir in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit mit unserem antiautoritären Ansatz gescheitert waren. Wir ermunterten auf unseren Kursen für im Betrieb gewählte Jugendfunktionäre, offen von ihren Autoritätskonflikten und sexuellen Problemen zu sprechen. Viele fanden das so spannend, dass sie den Betrieb verließen und auch Erzieher oder Pädagoge werden wollten. Die Marxisten in der Gewerkschaft, denen wir Antiautoritären von Anfang an unheimlich waren, verlangten deshalb eine Rückkehr zur früheren Bildungsarbeit. Die Jugendfunktionäre sollten wieder marxistisch geschult werden.

 

Ein rasanter Aufstieg

Während ich mich mit meinem pädagogischen Scheitern beschäftigte, begann Thilo Sarrazin eine eindrucksvolle Karriere. Im November 1973 hatte ihn die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt. Seine Intelligenz und sein eminenter Fleiß sprachen sich schnell herum. Schon nach einem Jahr wurde er als Referent in das Bundesfinanzministerium geholt. Sommer 1977 schickte man ihn für ein halbes Jahr nach Washington zum Internationalen Währungsfond (IWF).Ein Jahr später war er bereits Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit- und Sozialordnung. Drei Jahre später erinnerte man sich im Finanzministerium an das Zahlengenie und machte ihn dort nach kurzer Zeit zum Leiter des Ministerbüros.

Auch nach dem Ende der Sozial-Liberalen Koalition verblieb Sarrazin als Referatsleiter im Finanzministerium. Sein neuer Chef Theo Weigel schätzte den akribischen Rechner, der auch belächelt wurde, wenn er Eigenverantwortung predigte. Ohne Erfolg schlug er immer wieder vor, das Steuerrecht einschneidend zu vereinfachen. 1990 wurde er beauftragt, die Recht- und Fachaufsicht für die geplante Treuhand auszuarbeiten.

 

Zwischen Sozis und Konservativen

Mai 1991 holte ihn Ministerpräsident Rudolf Scharping als Staatssekretär in das rheinland-pfälzische Finanzministerium. Seine mutige Sanierung der öffentlichen Verwaltung brachte ihm viel Lob ein. In Scharpings Kreativitätsteam hatte er ein gewichtiges Wort mitzureden. Auch in dem Solidaritätspakts mit den neuen Bundesländern lässt sich seine Handschrift finden.

Als sich die Hoffnungsträger der SPD Scharping, Schröder und Lafontaine gegenseitig das Leben schwer machten, folgte er 1997 gerne Theo Waigels Einladung, zurück in das Finanzministerium zu kommen. Sein neuer, alter Chef übertrug ihm die Leitung der Bundeseigenen Treuhandliegenschaftsgesellschaft, die die volkseigenen Immobilien zu privatisieren hatte.

 

Erste subversive Erfolge der Wirtschaft

In den achtziger Jahren wurden die Bertelmann-Stiftung und der Arbeitskreis "Neue soziale Marktwirtschaft" gegründet. Sie sollten das Selbstvertrauen der Politiker erschüttern und für neoliberale Vorstellungen werben. Von ihrer Zersetzungsarbeit profitierte auch die Opposition. Endlich gelang es, die schwarz-gelbe Regierung unter Helmut Kohl abzulösen.

Der Sieger, Gerhard Schröder, genoss es, als Kanzler der Bosse wahrgenommen zu werden. Seine Regierung griff die Forderungen der Wirtschaft nach Liberalisierung, Deregulierung und Einschnitte im Sozialhaushalt auf. Schröders nicht abgesprochene Profilierungsmasche ärgerte seinen Finanzminister Oskar Lafontaine, der sein Amt nach kurzer Zeit hinwarf. Erfreulicherweise war eben erst der Hessische Ministerpräsident Hans Eichel abgewählt worden, der das undankbare Amt übernahm.

Sein Staatssekretär legte sich mit den Treuhand-Chefs an und kritisierte dessen Verkaufsstrategie. Sarrazin ließ sich das natürlich nicht bieten und schlug zurück. der Minister unterstützte seinen erbosten Staatssekretär. Sarrazins Vertrag wurde nicht verlängert.

 

Ein neues Amt und ein neuer (intim-)Feind

Sarrazin wurde zum Leiter der Konzernrevision der Deutschen Bahn AG ernannt. Dezember 2000 berief ihn Bahnchef Hartmut Mehdorn in den Vorstand. Er war zuständig für die Infrastruktur und die Sanierung des Schienennetzes. Schon bald kam es zwischen dem fachlich exzellenten, aber eigensinnigen Mitarbeiter und seinem autoritärem Chef zu harten Auseinandersetzungen. Sarrazin kritisierte die Verwendung der Bundesmittel und Mehdorns ehrgeizige Großprojekte. Bereits nach einem Jahr verließ er die Deutsche Bahn AG. In den folgenden Jahren begleitete er das Management seines Intimfeindes und dessen Pläne einer Teilprivatisierung mit Spott und Hohn.

 

Ein erfolgreicher Sanierer

Seit Westberlin sich als "Schaufenster der Freien Welt" verstand, hatte sich dieser Teil der Stadt daran gewöhnt, auf Pump zu leben und vom Bund finanziert zu werden. Auf keine Stadt traf der in den siebziger Jahren populäre Witz mehr zu als auf Westberlin.

"Wo steht die deutsche Wirtschaft?"

"In Bonn und hält die Hand auf."

Erst die "Nestbeschmutzer" der Außerparlamentarischen Opposition (ApO) kritisierten diese Versorgungsmentalität und listeten in einer Broschüre alle Steuerprivilegien und unsinnigen Subventionen auf.

Als der Bundestag beschloss, von Bonn nach Berlin zu ziehen, rechneten alle Berliner Parteien mit einer weiteren hohen Subventionierung der Stadt. Als Thilo Sarrazin Januar 2002 gegen den Protest der SPD-Frauen das Amt des Finanzsenators in der Rot-Roten-Regierung übernahm, betrug der Schuldenberg 46 Mrd. Euro. Den Doppelhaushalt von 2003/2004 erklärte das Berliner Verfassungsgericht für nichtig, da die neu aufgenommenen Kredite höher waren als die Investitionen.

Dem ungeliebten Sanierer gelang es in seinen ersten zwei Amtsjahren, 600 Millionen Euro einzusparen. Der "Mann fürs Harte" setzte in der öffentlichen Verwaltung längere Arbeitszeiten durch, kürzte die Löhne und baute Stellen ab. Aber auch die Wirtschaft jammerte über den Subventionsabbau und über die Erhöhung der Gewerbesteuer. Gut verdienende Familien mussten für einen Kita-Platz mehr Geld zahlen. Alle in der Stadt beklagten die ansteigenden Preise im Öffentlichen Nahverkehr.

Nach der Neuwahl des Abgeordnetenhauses 2006 wurde der Minister mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt. Unter der konservativen Regierung hatte die Berliner Landesbank durch immer neue Finanzskandale für Schlagzeilen gesorgt. Sie war hochverschuldet und zu einem Sanierungsfall geworden. Dem Finanzminister gelang es, den 82-prozentigen Landesanteil für 5 Mrd. an den Sparkassen- und Giroverband zu verkaufen. Gleichzeitig setzte er im Kaufvertrag eine Arbeitsgarantie für die 7.500 Mitarbeiter durch.

Die Haushalte von 2007 und 2008 schlossen mit einem Überschuss.

 

Ein immer streitlustigerer Agent Provokateur

Der unentbehrliche, aber gleichzeitig unbeliebte Sparer setzte sich gegen eine Flut von Anzeigen, Verleumdungen und Anfeindungen zur Wehr. Der Angegriffene genoß sein schlechtes Image und schonte auch die eigenen Reihen nicht. Den Koalitionspartner PDS ärgerte er in einer Talk-Show mit dem Satz "Dumm, dümmer, PDS". Als die SPD-Spitze einen Mindestlohn von 7.50 Euro forderte, erklärte sich der Finanzsenator bereit, schon für 5 Euro die Stunde zu arbeiten.

Ein Münchner Altersheim belegte im Detail, dass es mit einem Tagessatz unter 4 Euro seine Bewohner gut und gesund ernähren kann. Begeistert bezog sich der Zahlenfetischist Sarrazin auf diese Berechnungen und nannte die Hartz-4-Empfänger "überversorgt".

Dem Regierenden Bürgermeister Wowereit blieb oft nichts anderes übrig, als die "politische Instinktlosigkeit" seines Ministers zu bedauern. In Anerkennung seiner Verdienste wählten ihn die Finanzminister 2008 zum Vorsitzenden der Finanzministerkonferenz. Im Frühjahr 2009 erklärte er seinen Rücktritt vom Amt und wurde im Mai auf Vorschlag der Regierungen von Berlin und Brandenburg in den Vorstand der Bundesbank gewählt. Er nutzte die neue Freiheit, die ihm ein sechsstelliges Gehalt sicherte, um sein Buch "Deutschland schafft sich ab" zu schreiben. Diesmal nahm er sich Türken und Araber vor, die ihn schon lange ein Dorn im Auge waren. Mit aufwendigen Zahlenmaterial versuchte er, eine mangelnde Integrationsbereitschaft nachzuweisen, und erklärte die hohen Schulabbrüche und die mangelnden Sprachkenntnisse mit minderer Intelligenz.

Als er in einer Diskussion auch noch ein "jüdisches Gen" ins Spiel brachte, widersprach ihm die ganze politische Klasse.

 

Wie die reichen ihr Gesicht wahren

Die negativen Schlagzeilen, für die sein neues Vorstandsmitglied sorgte, machten dem Vorsitzenden der Bundesbank Axel Weber zunehmend Angst. Er fürchtete um sein Ansehen im Ausland und sah mit Recht seinen geplanten Wechsel an die Spitze der Europäischen Bundesbank gefährdet. Zähneknirschend beschloss man, beim Bundespräsidenten die Abwahl Thilo Sarrazins zu beantragen. Gleichzeitig wusste jeder, dass der streitbare Kollege jahrelang vor dem Arbeitsgericht gegen seine Entlassung klagen würde.

In dieser heiklen Situation schaffte es der neue Bundespräsident Christian Wulf durch diskrete Verhandlungen, dass alle Beteiligten "ihr Gesicht wahren konnten". Der Vorstand der Bundesbank verzichtete auf den Rausschmiss. Thilo Sarrazin bat selbst um seine Entlassung und gab sich mit einem gekürzten Ruhegehalt von monatlich 10 000 Euro zufrieden.

Nach der neuesten Umfrage einer Versicherung macht inzwischen 64 Prozent der Bevölkerung der Gedanke an ihre wirtschaftliche Zukunft Angst. Keiner versteht, warum Sarrazin nach achtzehn Monaten (die er hauptsächlich für seine Agitationen genutzt hat) ein monatliches Ruhegehalt von 10.000 Euro (neben all seinen sonstigen Rentenansprüchen) erhält. Inmitten unserer Gesellschaft hat sich eine Parallelwelt etabliert, die in ihren Dienstwägen mit immer rasanterem Tempo ignorant an der Alltagswelt der Bevölkerung vorbeirauscht.

Ich beziehe eine Rente unter 300 Euro. Daran ist nicht die Gesellschaft schuld, sondern mein Zigeunerleben. Dank meines Blindengeldes bin ich noch immer ein reicher Mensch. Seit meine Augen immer schlechter wurden, bezog ich Hartz-4. In diesen achtzehn Jahren habe ich mir einen Rentenanspruch von monatlich 38 Euro erworben. Die Bundesregierung will diesen Rentenbeitrag für Hartz-4-Empfänger streichen. Diese Weigerung, weiter Verantwortung zu übernehmen, will man uns als "Sparen" verkaufen. Für die finanziellen Folgen dieser Verantwortungslosigkeit müssen die Kommunen aufkommen. Die Zahl der Menschen, die Grundsicherung beantragen müssen, wird weiter anwachsen.


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