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Rosa von Praunheim zum 70. Geburtstag

 

10.23-Rosa-v-PraunheimAuch ich war einer der vielen Homosexuellen, die von Rosas Erstlingswerk "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." geschockt waren. (Von den Fehleinschätzungen der Schwulenbewegung) Das Wort "schwul" hatte selbst für uns betroffene damals noch einen anrüchigen Klang. Ungeniert zeigte rosa ein Stück Wirklichkeit, die vielen von uns peinlich war. Die Welt der als Sextreffs genutzten öffentlichen Toiletten, das scheue Kontaktsuchen in den Parks, eine offensichtliche Neigung zu anonymem und promiskuitivem Treiben. Dabei hätte man doch aller Welt vermitteln müssen: Homosexuelle sind im Grunde ihres Herzen liebe, nette Menschen und sehnen sich nach Anerkennung und Liebe.

 

 

 

 

 

Martin Danneckers dem Film unterlegten Politphrasen spiegelten den damals unter jungen Intellektuellen gängigen linken Zeitgeist. Die Bilder des Films bestätigten eher das Vorurteil vom perversen Homosexuellen. Erst der damals entstehenden Schwulenbewegung wird es mit den Jahren gelingen, ihre Sicht des "Schwulen als Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung" durchzusetzen. Schon schuf der Westberliner Senat ein Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Personal wurde eingestellt, das Geld vergeben konnte. Aus einer Selbsthilfebewegung wurde mit den Jahrzehnten eine von schwulen Funktionären verwaltete Szene. Finanziell gut ausgestattet, wie der neu bezogene Palast in der Nieburstraße zeigt.

Ein melodramatischer Zeitzeuge

Ich will nicht Rosas Geburtstag missbrauchen, um andere anzupinkeln. Wobei ich mir sicher bin, dass er das genießen würde. Das Milieu stand ihm immer näher als die wachsende Zahl derer, die es sozialpädagogisch betreuen.

Darin liegt seine große Stärke: all das Melodram, den Klatsch, die Hysterien, Eifersüchteleien und Ekstasen abzulichten. Gerade diese seine Naivität im Umgang mit der Wirklichkeit wird dafür sorgen, dass man seine filmischen Dokumente auch noch Jahrzehnte später amüsiert ansehen wird.

Viele junge, begabte Schwule hat er ermutigt, in seine Fußstapfen zu treten. Sie haben am Sonntagabend in Arte ihren junggebliebenen Opa geehrt und bejubelt.

Muss man ihm gute Gesundheit wünschen? Ich weiß es nicht. Offenbar hat die Seuche ihn, der die Aids-Bewegung so vielfältig dokumentiert hat, links liegen gelassen. Keiner redet mehr von seinem missionarischen Wahn, Homosexuelle im öffentlichen Raum auch gegen ihren Willen zu outen. Ohne seine Vorarbeit hätten sich weder Wowi noch Guido so locker zu ihrer Veranlagung bekennen können. Auch über fehlende Anerkennung muss sich Rosa nicht mehr beklagen. Er wird als Klassiker gehandelt.

Groß wird die Zahl der alten Freunde sein, die sich zu einem Gläschen Sekt einfinden werden. Beschwippst wird man sich tränenseelig an so manchen erinnern, der gerne mit gesoffen hätte. Auch Hilde wird Rosa vom Himmel aus zuprosten und ihm Mut zu singen:

„Und heute sage ich still:

ich sollt mich fügen, Begnügen.

Ich kann mich nicht fügen,

Kann mich nicht begnügen,

Will immer noch siegen.

Will Alles oder Nichts!"


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