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Eine umständliche Annäherung und ein Vorschlag zur Kandidatenaufstellung

dapd_piratenVor achtundzwanzig Jahren war ich in Bayern Landtagskandidat der Grünen. Die Aufstellung erfolgte im "Tandem". Frauen und Männer wechselten sich ab. Die Spitzenposition war einer Frau vorbehalten. Außer es bewarb sich ein Biobauer. Der wurde aus Imagegründen bevorzugt.

 

 

"Mütterliche" Anliegen

Wir Grünen warben mit Parolen wie " Unseren Kindern eine Zukunft sichern!" (Fürsorge), "Gegen die Zersiedlung der Heimat" (für Geborgenheit), "Gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft" (für gesunde Nahrung), "Gegen den Wachstumswahn und für ein gutes Leben jenseits der Konsumzwänge und für ein solidarisches Miteinander " (gegen die männliche Eitelkeit, die Welt immer wieder neu programmieren zu müssen).Lange versuchten die alteingesessenen Parteien die Eindringlinge im Bundestag als irrational, technikfeindlich, rückständig und politikunfähig abzuwerten.

 

Die Ursprünge der Piratenpartei

Sie verdankt sich einem technologischen Umbruchs, der sich seit den siebziger Jahren vollzieht. Mit dem Einsatz von Computern, dem Ausbau der Netze und der beschleunigten weltweiten Kommunikation veränderte sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das persönliche Miteinander. Inzwischen kann "Privates" in einer bisher nie gekannten Weise "öffentlich" gemacht werden. Am radikalsten nutzen die Finanzmärkte die entgrenzten Kommunikationsmöglichkeiten und Freiheiten. Im Sekundentakt werden Billionen rund um die Welt geschickt und Entscheidungen getroffen. Riesige Gewinne sind möglich. Gleichzeitig können Spekulationen den Bankensektor eines ganzen Landes in den Konkurs treiben.

 

Eine widersprüchliche Wirklichkeit

Unbestritten hat diese durch neue Technologien entstandene Medienwelt faszinierende Seiten. Aufgrund ihrer schnell wachsenden Komplexität löst sie auch Ängste aus. Mit den technischen Neuerungen gekonnt umzugehen erfordert ein gehöriges Maß an Wissen und fachlicher Routine. Männer mit einer Affinität zur Technik haben in den neu entstandenen Berufsfeldern noch immer bessere Chancen. Aufgrund der vielfältigen Spielmöglichkeiten wie Handy oder iPhone hat die Technikakzeptanz besonders bei Jugendlichen stark zugenommen.

Mit den Piraten meldet sich eine Generation, die mit dem Computer aufgewachsen ist, zu Wort. Seine Möglichkeiten verstehen sie entspannt zu nutzen. Immer mehr Menschen mit Hilfe der neuen Medien bei politischen Entscheidungen einzubeziehen, ist eine ihrer Forderungen. Bestehende Machstrukturen wollen sie transparent machen. Wo sich die Mächtigen der Kommunikation verweigern, wird über das Internet zum Protest aufgerufen. Selbst die Utopie einer direkten Demokratie erscheint den Optimisten unter ihnen dank Partizipation und Transparenz realisierbar.

 

Ein weltweites Aufbegehren

Auch die Medienlandschaft hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert. Schon aus Sensationsgründen sind viele Medienmacher an einer "permanenten Revolution" (Leo Trotzky) interessiert. Plötzlich kommen in Talk-Shows flippige Computerfreaks zu Wort. Durchgedrehten Typen wird zugetraut, selbst das FBI lahm legen zu können. Endlich gibt es wieder eine Jugendrevolte. Dank des Internets findet der Aufstand weltweit statt.

 

Die Schattenseiten

Unbestritten lassen sich die Menschen schneller als früher mobilisieren. Bleibt aber der Erfolg aus, kann die Begeisterung schnell in Resignation umschlagen. Zumal durch die Vielzahl von Medien eine Parallelwelt entstanden ist, die sich als abwechslungsreicher und unterhaltsamer Fluchtpunkt anbietet. Sehnsüchte, Träume, Leidenschaften können, wenn sie wie bei gayromeo als sinnliche Mythen verpackt werden, süchtig machen. Sich in diesen Bilderwelten zu verlieren reizt oft mehr als eigene Erfahrungen zu riskieren. An der Abwechslung im Netz gemessen erscheint der eigene Alltag nicht selten als grau und tröge.

 

Vom (verinnerlichten) Leistungsdruck

Kaum jemand verkörpert die neue Leistungsgesellschaft so überzeugend wie die Bundeskanzlerin. Fast rund um die Uhr zeigt sie sich in Höchstform. (wieweit helfen bei dieser permanenten Selbstüberforderung Drogen?) Oft habe ich bei ihren Reden das Gefühl, dass sie irgendwie "neben sich" steht.

Angela Merkel ist in der DDR großgeworden. In allen sozialistischen Staaten wurde den Menschen ein gehöriges Maß an Selbst-Entfremdung zugemutet. Dabei versprach man eine Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Freund ist. Aus Mangel an Arbeitskräften wurden von Anfang an alle Frauen zur Erwerbstätigkeit verpflichtet. Ihre Qualifizierung zahlte sich aus. Denn im Gegensatz zu vielen jungen Männern flüchteten nur wenige Frauen nach der Ausbildung in den Westen.

Berufstätige Frauen wurden besonders unterstützt. Neugeborene konnten schon ein halbes Jahr nach ihrer Geburt in eine Kinderkrippe gebracht werden. Meist hatten zwei heillos überforderte Erzieherinnen für zwölf Kids unter zwei Jahren zu sorgen. Heranwachsenden wurde ein gehöriges Maß an Unterordnung abverlangt. Die Pastorentochter Merkel bekam den Missmut sozialistischer Lehrkräfte besonders krass zu spüren. Das Mädchen fühlte sich mit Recht tief verletzt. Trotz dieser Demütigungen lieferte sie weiter gute Leistungen.

 

Subversiver Widerstand

Nicht wenige Bürger(innen) der DDR fühlten sich eingesperrt und ausgenutzt. Mit der Zeit verstand man es, den ökonomischen Druck von oben zu unterlaufen. Manche hatten keine Hemmung, ihren Lohn durch im Betrieb gestohlene Produkte aufzustocken. Der Volksmund sprach von "sozialistisch umorganisieren". Trotz dieser zahlreichen Verweigerungen waren nur wenige zufrieden. Die meisten sehnten sich nach drüben, wo es alles in Hülle und Fülle zu geben schien.

Die Leistungsgesellschaft westlicher Bauart

Nach dem Rausch der Wiedervereinigung setzte bei so manchem Ossi Ernüchterung ein. Die Machtstrukturen im neuen Deutschland sind weit weniger offensichtlich. Die Auswahlverfahren und der Konkurrenzdruck spürbar härter. Jeder muss sein Schicksal nun selbst in die Hand nehmen. Ausbleibender Erfolg oder Scheitern kann nicht mehr denen da oben angelastet werden.

Frauen aus dem Osten kamen mit der neuen Situation besser zurecht. Schon in der DDR war ihnen ein großes Maß an Flexibilität abverlangt worden. Viele waren neben ihrem Beruf auch für den Haushalt zuständig. Auch das Wohlergehen der Kinder lag den meisten am Herzen. Manchmal erwies sich dann auch noch der Lebensgefährte mehr als Last denn als Hilfe.

Oft lehnen diese selbstbewussten Frauen eine Frauenquote ab. Sie sind überzeugt, alles aus eigener Kraft schaffen zu können.

 

Ein Vorschlag für die Aufstellungsversammlung

Noch dominieren in der Piratenpartei die Männer. Aber schon ein Viertel der Bewerbungen haben Frauen geschrieben. Viele wagen einen persönlichen Ton und treten deutlich bescheidener auf als so mancher männliche Mitbewerber. Aber auch hier weckt so manche geballte Berufsbiographie den Verdacht, dass sich ihre Verfasserin heillos überfordert. Auch Frauen scheinen inzwischen anfällig zu sein für den herrschenden Leistungswahn.

Viele Männer sind überzeugt, dank ihres fachlichen Wissens und ihrer vielfältigen Berufserfahrungen im Bundestag etwas bewegen zu können. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn schon jetzt herrscht dort kein Mangel an Arbeitstieren, ohne dass sich die Menschen von ihnen vertreten fühlen. Eine neue Politik würde eine andere Sprache voraussetzen, damit sich wieder mehr Menschen mit ihren Erfahrungen wiederfinden können. Vielleicht fällt sie Frauen, die sich weniger in Programmen verlieren, leichter.

 

Zum Vorgehen auf der Landesversammlung:

1. Frauen und Männer bilden einen eigenen Block.

2. Innerhalb des Blocks wird die Reihenfolge ausgelost.

3. Der Frauenblock kommt als erster zu Wort. Dadurch hätten Frauen mehr Chancen, ihren ganz eigenen Ton zu finden, ohne sich in Konkurrenz zu männlichen Bewerbern behaupten zu müssen.

 

28. Januar 2013

Daniel (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.)

WwW.leiden-schaft.org


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