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Droht unsere Demokratie am Transparenzterror zu scheitern?

 

Das jedenfalls behauptet der Philosoph Byung-Chul Han. Unbestritten ist er eine interessante Erscheinung. Er kam 1956 in Südkorea auf die Welt und beschäftigte sich zuerst mit Metallurgie. Dann ging er nach Westdeutschland und studierte an der Universität Freiburg im Breisgau und in München Philosophie, Deutschsprachige Literatur und Katholische Theologie. Er promovierte 1994 mit der Studie "Heideggers Herz. Zum Begriff der Stimmung bei Martin Heidegger". Seit einem Jahr ist er Professor an der Universität der Bildenden Künste hier in Berlin.

Heidegger bemüht sich in seiner Philosophie, hinter dem Offensichtlich-Alltäglichem tiefer liegende Strukturen zu entdecken. Auch sein Schüler Byung-Chul Han will sich nicht mit den Phänomenen zufrieden geben, sondern sie transparent machen. Das gelingt ihm oft recht gut wie der Erfolg seines Bestsellers "Die Müdigkeitsgesellschaft" zeigt. Auch ich habe das Buch mit Genuss gelesen.

Vielleicht durch den Erfolg verführt wagte er sich gleich an die nächste Enthüllungsgeschichte. "In seinem Buch "Die Transparenzgesellschaft" (2012) beschreibt er, wie wir uns - unter dem Deckmantel von Demokratie und Informationsfreiheit - zu einer totalitären Kontrollgesellschaft entwickeln.", So steht es in der Einleitung zu seinem im Magazin der Süddeutschen Zeitung (SZ, 14.12.2012) veröffentlichten Interview. Du findest es auf meiner Webseite unter: http://www.leiden-schaft.org/politik/die-piratenpartei/129-droht-unsere-demokratie-an-dem-transparenzterror-zu-scheitern

Ich habe sein Buch nicht gelesen und beziehe mich im Folgenden nur auf seine Aussagen in diesem Interview.

Neuester Klatsch aus der Piratenpartei

SZ: Demnach wäre die Piratenpartei ein Widerspruch in sich?

Han: Sie versinkt nach anfänglichen Erfolgen ja auch gerade in einem Chaos aus Stimmen und Meinungen. Alle dürfen mitreden, alle wissen alles, die Piraten können keinen politischen Willen artikulieren und sind handlungsunfähig.

Im Übrigen spielt die Piratin Marina Weisband gerne das blutrünstige Rollenspiel Vampire Live. Dort habe sie nicht nur ihren Verlobten, sondern auch die Politik kennengelernt, die darin bestehe, Intrigen zu spinnen und geheime Verabredungen zu treffen. Ausgerechnet die Piratin, die für Transparenz eintritt, sagt das ganz offen. Sie ist als politische Geschäftsführerin der Piraten ja mittlerweile ausgestiegen. Ja, weil sie vielleicht festgestellt hat, dass Politik mehr als ein harmloses Rollenspiel ist.

Auch der Berliner Pirat Christoph Lauer hat zugegeben: Transparenz ist ein Kampfmittel, andere Meinungen niederzudrücken."

Die totale Abschaffung der Führung und Hierarchie ist problematisch, weil sie so viel Lärm erzeugt, dass eine Partei darin ertrinken kann."

Und an anderer Stelle:

"Peer Steinbrück wurde heftig angegriffen für seinen Satz: Transparenz gibt es nur in Diktaturen.

Dabei hatte er recht. Totale Transparenz ist nur durch totale Kontrolle möglich und die gibt es nur in einer Diktatur. Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können. In der Demokratie gibt es Räume, die man nicht durchleuchten darf .."

Und an anderer Stelle: "Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz", hat der Journalist Ulrich Schacht geschrieben, der 1973 in der DDR wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Erst jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. Es gibt eben nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit und Schwarmdiktatur."

 

Byung-Chul Hans gelehrte Geschwätzigkeit

Einesteils versucht uns Han einzureden, dass uns das Privatleben unserer Politiker nicht zu interessieren hat. Gleichzeitig packt er uns bei unserem Bedürfnis nach Klatsch, indem er immer wieder auf uns bekannte Personen zu sprechen kommt.

Ich finde Christoph Lauer sympathisch, während andere ihm einen Hang zum Narzissmus vorwerfen. Christoph hat seine Aufmerksamkeitsdefizitstörung öffentlich gemacht und versteht es oft, sich mit Witz zu Wort zu melden. Wenn das Zitat zutrifft, hat er natürlich Schwachsinn erzählt.

Gegen Peer Steinbrück habe ich Vorbehalte. er will immerhin unser nächster Bundeskanzler werden. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie er geistig tickt. Nicht die Honorare allein sind das Problem. Sondern dass er sie ohne jeden Hintergedanken angenommen hat.

warum konnten und wollten die Bochumer Stadtwerke Steinbrücks Vortrag mit 20.000 Euro entlohnen?

wenn ein so denkfauler Mensch behauptet, Transparenz sei Terror, tritt er nur die Flucht nach vorne an. Er möchte seine Kritiker ruhig stellen.

 

Zum Verhältnis von Privat und Öffentlich

Han möchte das Private aus der Politik heraus halten. Dabei bezieht er sich auf Konrad Adenauer.

" Ich glaube nicht, dass sich die Wähler früher dafür interessiert hätten, ob Adenauer seine Frau betrügt oder zu viel Geld für einen Vortrag verlangt. Die Menschen hatten Respekt vor ihrem Kanzler. Was er in seinem Privatleben gemacht hat, fiel nicht ins Gewicht. Es gab ein Verständnis für Rollen und Rituale. Wer man wirklich ist, hat damals nicht interessiert."

Im Bundestag sprach Konrad Adenauer von " Willy Brandt alias Herbert Frahm". Er bediente damit gleich zwei bürgerliche Ressentiments. Brandt war unehelich und war nach der Machtergreifung der Nazis ins Exil gegangen und hatte unter seinen neuen Namen gegen Nazi-Deutschland gekämpft.

das Spiel mit Ressentiments hat in der Politik immer eine Rolle gespielt und jeder von uns ist dafür anfällig. Unbestritten hat sich durch die neuen Medien das Verhältnis von privat und öffentlich einschneidend verändert. Wir halten es in der U-Bahn inzwischen für normal, wenn neben uns einer mit seinem Handy geschäftliche oder private Gespräche führt. Das kann man als Verlust an Intimität beklagen. Aber pauschale aussagen wie die über Facebook klären nicht auf, sondern bedienen nur neue Ressentiments.

SZ: Sie spielen auf soziale Netzwerke an. Sind Sie bei Facebook?

Han: Nein. Ich wüsste nicht, was ich da sollte, es ist total langweilig. Peter Handke schreibt: "Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich."

Er hat recht Und die meiste Zeit rede ich sowieso mit mir selbst. (was zu glauben angesichts seiner endlos langen Liste an Publikationen schwerfällt.)Dafür brauche ich kein Facebook.

SZ: Eine Milliarde Menschen sehen die Notwendigkeit bei Facebook zu sein. Warum

Han: Die Frage ist doch: Warum kommunizieren wir überhaupt? Der Kommunikationstheoretiker Vilem Flusset meint, dass wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen. Demnach kommunizieren wir, um dem Leben einen Sinn zu verleihen.

Ja, aber die digitale Kommunikation ist nicht dafür geeignet, Sinn zu produzieren. Nur ein Dialog mit einem Du kann Sinn stiften. Ein Gebet wäre ein Dialog. Auf Facebook oder Twitter ist kein Dialog möglich, dazu gehört mehr als "Gefällt mir".

Aber die Kirchen leeren sich und Facebook füllt sich. Es ist eine neue Kirche entstanden, die aber keinen Sinn stiftet. Auf Facebook können wir dem Tod nicht entkommen. Und weil wir das spüren, kommunizieren wir immer mehr und immer schneller."

Am Schluss des Interviews erfahren wir:

Nach dem Gespräch mit Byung-Chul Han hätte Tobias Häberle sofort seinen Facebook-Account gelöscht, wenn er nicht schon vor einem Jahr ausgestiegen wäre. Er fühlte sich dort zwar nie ausgebeutet, dafür ständig belästigt und unendlich gelangweilt.

Ach unsere armen Intellektuellen, die sich immer nur langweilen müssen!

Byung-Chul Han beendet das Interview mit den Sätzen:

"Ich bin lieber ein Philosoph der schlechten Laune als der Philosoph der guten Laune. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Laune. Ich bin manchmal traurig, aber das ist was anderes. Denken ist immer eine Form des Widerstandes. Ja, ich denke, um dem Tod zu entkommen und dem Leben zu dienen."

Weh dem, der bei so viel tiefsinniger Selbstidealisierung einen narzisstischen Charakter vermutet!

Das Denken hat viele Facetten: man kann nach- und Vordenken, etwas überdenken und wir können uns in der Welt unserer Gedanken verlieren. Dann neigen wir zu einer ähnlich gelehrten Geschwätzigkeit. Hoffentlich kommt keiner auf die Idee, das transparent zu machen!

blindhero


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