User Rating: 5 / 5

Star ActiveStar ActiveStar ActiveStar ActiveStar Active
 

Wie unsere Vor-Bilder nachwirken. (3)

 

Von meiner Mutter habe ich den Intellekt und die Augenerkrankung, die auch bei mir zur Erblindung führte, geerbt. Von meinem Vater stammt mein idealistischer Überschwang, eine große Gutherzigkeit, aber auch ein gewaltiger Eigensinn. Dass auch er manisch-depressiv veranlagt war, habe ich erst nach seinem Tode begriffen.

Mein Vater (Jahrgang 1918) kam in einer oberschlesischen Bergarbeiterfamilie zur Welt. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche. Weil der Platz fehlte, mussten zwei Kinder in einem Bett schlafen. Alle Mietparteien holten sich das Wasser auf dem Flur und nutzten das Plumpsklo unten auf dem Hof. In der schlichten katholischen Kirche fand Josef sein zweites Zuhause. Er entwickelte ein inniges Gebetsleben. Mit großem Ernst diente er bei der Messe. Alle vier Wochen bekannte er im Beichtstuhl seine Sünden.

Auch Oberschlesien bekam die Weltwirtschaftskrise von 1929 zu spüren. Da sich immer weniger Menschen Kohlen kaufen konnten, wurden Tausende von Grubenarbeiter entlassen. Josef begeisterte sich für die Nazis, die alles radikal anders machen wollten. Sie ernannten den fleißigen Jungen zum Führer der Hitlerjugend im Bezirk Beuthen. Als die braunen Bonzen an der Macht waren, hetzten sie auch gegen die Pfaffen. Sie verboten ihrer Parteijugend, den sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen. Josef ignorierte die Anordnung und wurde abgesetzt.

Aus dem Krieg kam er als leidenschaftlicher Pazifist zurück. Mit anderen protestierte er gegen die Wiederbewaffnung. Bei seinen Entscheidungen berief er sich auf sein Herz. Es war seine große Kraftquelle. Er konnte selbst für die beten, die ihn zu Lebzeiten übel mitgespielt hatten. Natürlich wurde seine Gutherzigkeit auch ausgenutzt. Menschliche Enttäuschungen schien er wegzustecken. Nicht selten wurde sein hochgespannter Idealismus belächelt. Wovon er überzeugt war, das wollte er auch durchsetzen. Dieser sein Eigensinn machte ihn nicht unbedingt zu einem bequemen Zeitgenossen.

Gemessen an der in seiner Kindheit erfahrenen Armut durfte er seinen Lebensabend in unvorstellbarem Wohlstand verbringen. In diesen Jahren habe ich ihn immer wieder weinend erlebt. Auch sein Vertrauen in die Kraft der Gebete schien nachzulassen. Einmal fragte ich ihn, ob er sich auf den lieben Gott freue. Er verneinte.

Noch jetzt - drei Jahre nach seinem Tod - machen mich diese Erinnerungen betroffen. Warum habe ich mir die große Not seines Herzens nicht eingestanden? Dabei habe ich in seinen letzten Lebensjahren immer wieder bei ihm geschlafen. Oft bin ich durch sein abgrundtiefes Seufzen aufgewacht. Aus Hilflosigkeit habe ich es überhört.


Back to top