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Ricarda Huch 1914


Das ist der Titel eines Gedichts von Ricarda Huch (1864 1947). Inzwischen selbst alt geworden hat es mich trotz seiner altertümlichen Sprache berührt. (Zum Leben seiner Verfasserin siehe: Ricarda Huch - wikipedia)

 

 

 

 

 

 

 

                       Ach, in meinen Jugendjahren

                       war der Frühling schöner noch als heut.

                       Dass die schönen Mädchen schöner waren,

                       ist das Letzte,

                       was uns Alte freut.

                       Deine Mutter sagt es auch seit Jahren:

                       Alter macht das Urteil erst gescheit.

                       Denn wir Alten haben viel erfahren.

                       Aber dieses war die schönste Zeit.

                       Dass die Wiesen nicht und nicht die Ähren

                       wie dereinst so golden und so grün,

                       muss wohl sein.

                       Denn wenn sie noch so wären,

                       könnt ich doch nicht mehr zu ihnen hin.

                       Aber dass die Sonne immer kälter,

                       wo sie doch dereinst so herrlich war,

                       ist nicht gut,

                       Denn wird man merklich älter,

                       Liebt man Sonne mehr mit jedem Jahr.

                       Aber Leben, Liebe Und Gedichte

                       sind nun anders,

                       als es früher war.

                       Und nur wir sind immer gleich geblieben,

                       Denn man hasst die Änderung im grauen Haar.

Der nostalgische blick zurück

Auch mir ist die Neigung, aus früheren Zeiten ein untergegangenes Paradies zu machen, nicht fremd. In einem meiner Gedichte heißt es:

                       Gestern war nicht alles besser.

                       Jungsein ist kein Honigschlecken.

                       Doch im Sog der vielen träume

                       warst Du dir noch selbst ein Rätsel.

Eigentlich habe ich gute Gründe, mit meinem Leben zufrieden zu sein. Ganz anders als meinen Eltern standen mir viele Selbstfindungsmöglichkeiten offen. Sie mussten sich in einer Diktatur zurechtfinden. waren mit den Schrecken eines Krieges konfrontiert und Vater mit Flucht und Vertreibung. Viel Kraft hat ihnen die Bewältigung materieller Not gekostet. Als Kind habe ich gespürt, dass wir arm waren. Trotzdem ist mir meine Kindheit als warm und behütet in Erinnerung.

Leben als Ernüchterung und Traumverlust

Etwas von diesem frühen Zauber konnte ich in mein Leben als Erwachsener hinüberretten. Manchmal kokettierte ich mit dem Gedanken, nie richtig erwachsen zu werden. Viele Sterbende beklagen in einer Befragung, zu viel gearbeitet zu haben. Meine geringe Rente verrät, dass ich das Erwerbsleben nie so recht ernst nehmen konnte. Weil mich meine Eltern immer wieder unterstützt haben, musste ich mein Zigeunerleben nicht aufgeben. Jetzt im Rückblick quält mich öfters das Gefühl, zu wenig geleistet zu haben.

Solche Skrupel sind der Frau im Gedicht fremd. Ihr Mann teilt nicht ganz ihre altkluge Haltung. Seine Gedanken umkreisen immer wieder die Vergangenheit. Aber selbst wenn die Gegenwart noch voller Verheißungen wäre, wäre ihm diese Wirklichkeit schon aufgrund seiner nachlassenden Kräfte verschlossen.

Berührend seine Klage über die nachlassende Kraft der Sonne. Vielleicht wurzelt diese Empfindung in der Erfahrung, dass mit den Jahrzehnten auch die Zuneigung in ihrer Liebe abgekühlt ist. Einsamkeit meldet sich zurück und nur Selbstliebe kann ihr etwas von ihrem bitteren Stachel nehmen.

                       Was auch aufsteigt lass es tönen.

                       Denn es stammt aus Deinem Leben.

                       Seinem Abgrund, Deinen Höhen.

                       Deiner Lust und Deinen Schmerzen!


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