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DER SOMMERFADEN

 

Ludwig_Uhland

Ludwig Uhland (1787–1862)

 

Da fliegt, als wir im Felde gehen,

Ein Sommerfaden übers Land.

Ein leicht und licht Gespinst der Feen

Und knüpft von mir zu ihr ein Band.

 

Ich nehm ihn für ein günstig Zeichen.

Ein Zeichen, wie die Lieb es braucht.

O Hoffnungen der Hoffnungsreichen!

Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht.

 

 

Dank der U-Bahn-Endstation Uhlandstraße ist der Name vielen Westberlinern geläufig. Keiner der vielen jungen Schwaben, die vor dem Militärdienst nach Westberlin flüchteten, wird das Gedicht im Gepäck gehabt haben. Bei den nach dem 2. Weltkrieg Geborenen war der schwäbische Heimatdichter nicht mehr populär. Zu Unrecht! Denn auch dieses Gedicht zeigt Uhlands Talent, genau hinzusehen und die Wirklichkeit nicht einfach romantisch zu verklären. Der scheu Verliebte wagt selbst in seinen Gedanken noch nicht das vertrauensvolle „Du“.

 

Seine Gedichte und Balladen haben ihn schon sehr früh berühmt gemacht. Trotzdem blieb er im Umgang mit Fremden ein wortkarger und scheuer Mensch. Sein ältester Bruder war kurz nach der Geburt gestorben. Ludwig musste miterleben, wie sein Bruder Friedrich mit zehn Jahren an Scharlach starb. Die verstörte Mutter bangte jetzt um ihren Jüngsten. Dem Vater war ihr inniges Miteinander unheimlich. Selbst als Sekretär an der Tübinger Universität angestellt, drängte er seinen musisch begabten Sohn zu einem Studium der Rechtswissenschaften. Uhland unterwarf sich. Aber zum erfolgreichen Anwalt fehlte ihm das agitatorische Talent. Ende 1812 gab er seine Kanzlei in Tübingen auf und zog nach Stuttgart. Auch hier reichte es nur zum Armenanwalt und zum Pflichtverteidiger. Doch abseits der Vaterwelt hatte er mehr Mut, seinen Träumen Raum zu geben.

 

Am 15. Dezember 1814 erwähnt er in seinem Tagebuch zum ersten Mal die damals fünfzehnjährige Emilie Fischer. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns in Calw. Ihr Vater hatte erst mit 48 Jahren geheiratet und war zwei Jahre nach ihrer Geburt gestorben. Mit 17 Jahren ist Emilie Vollwaise. Aber erst die Einundzwanzigjährige wagt der inzwischen 33 Jahre alte Ludwig Uhland um ihre Hand zu bitten. Dabei hatte sie sich schon lange in sein empfindsames Herz verliebt und ihn wegen seiner dichterischen Fähigkeiten bewundert.

 

Dank ihrer Großzügigkeit und ihres Erbes musste sich Ludwig Uhland endlich keine finanziellen Sorgen mehr machen. Generationen schwäbischer Kinder werden mit seinen Liedern und Balladen aufwachsen. Aber ihr Schöpfer und seine Muße blieben kinderlos.

 

Zu Uhlands berühmtesten Gedichten gehört „Der gute Kamerad“. Den Anstoß gaben Südtiroler Bauern, die 1809 unter Andreas Hofer den Aufstand gegen die französische Besatzung wagten. Napoleon hatte das zur österreichischen Monarchie gehörende Land besetzt und es dem neugeschaffenen Königreich Bayern zugeschlagen. Neben bayrischen sollten auch württembergische Truppen die Franzosen bei der Niederschlagung des Aufstandes unterstützen. Die Empörung in der Bevölkerung, in diesen deutschen Bruderkrieg verwickelt zu werden, war groß. Uhlands Gedicht ist alles andere als eine vaterländische Hymne. Er beschwört die Freundestreue und beklagt den Tod dieser jungen Männer, die den Kampf der Großmächte mit ihrem Leben bezahlt hatten.

 

Friedrich Silcher hat es 1825 vertont. Überall wurde es mit großer Ergriffenheit gesungen und bekam den Charakter eines Volksliedes. Im 1.Weltkrieg und von den Nazis wurde das Lied als patriotische Hymne missbraucht und es als Loblied auf den Heldentod missverstanden. Noch heute wird auf dem Lande seine Melodie geblasen, wenn der Sarg eines Kriegsteilnehmers in die Grube gesenkt wird.

 

Uhlandstraße. Endstation. Bitte aussteigen! Es bleibt ein Moment Zeit, sich an einen überaus liebenswerten Menschen zu erinnern.


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