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Einleitung

Soka gakkai makiguchi memorial hallIch habe schöne Stunden bei den Versammlungen der Soka Gakkai erlebt und dort sympathische Menschen kennengelernt. Für die erlebte Gastfreundschaft möchte ich mich hier noch einmal herzlich bedanken. In der religiösen Gedankenwelt dieser Gruppe bin ich nie heimisch geworden. Irgendwann fasste ich den Entschluss, mich mit der Geschichte dieser Bewegung zu beschäftigen. Anlass war unter anderem, dass in einer Ausstellung der jetzige Präsident der Soka Gakkai Daisaku Ikeda (geboren 1928) in eine Reihe mit Mahatma Ghandi und Martin Luther King gestellt wurde. So viel Präsidentenanhimmelei verführte mich Anarchisten, doch einmal meinen Skorpionstachel zu ziehen.

Um an Material zu kommen, wandte ich mich (vor über zehn Jahren) an die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) hier in Berlin. Sie versteht sich als eine "wissenschaftliche Studien-, Dokumentations-, Auskunfts- und Beratungsstelle für die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart“. Sie hat den Auftrag, „diese Zeitströmungen zu beobachten und zu beurteilen“. Damals gab es zur Soka Gakkai noch keine wissenschaftlich verfasste Arbeit Ich musste mich mit einigen Aufsätzen zufriedengeben. Trotz wikipedia ist die Quellenlage nicht besser geworden. Die bei wikipedia veröffentlichte (Selbst)Darstellung Sōka Gakkai – Wikipedia ist genauso fromm verfasst wie die Biographien der bisherigen drei Präsidenten. Maiguchi Tsunesaburō – Wikipedia (der Begründer der Soka Gakkai), Toda Josei – Wikipedia (ihr zweiter Präsident) und Daisaku Ikeda – Wikipedia (ihr jetziger Präsident).

Auch der Text zum geistigen Lehrer der Bewegung Nichiren – Wikipedia bietet nicht mehr als eine Anekdotensammlung. Nichiren hat von 1222 bis 1282 gelebt.

Weitaus Informativer ist der wikipedia-Text zu der von der Soka Gakkai initiierten politischen Partei in Japan: Kōmeitō – Wikipedia. Dort wird unter den Weblinks auf eine PDF-Datei verwiesen: Religion und Politik in Japan: Soka Gakkai und Komeito.

In der ersten Fassung meines Textes hatte ich (ein Blinder) den Namen der Gruppe und alle vorkommenden Namen falsch geschrieben. Schon mein Wunsch, sie buchstabiert zu bekommen, weckte Misstrauen. Obwohl ich den Text in Kopien mehrmals verteilt hatte, wurde er nie diskutiert und ich immer wieder neu vertröstet. Jetzt bin ich dank wikipedia wenigstens in der Lage, alle Namen richtig schreiben zu können.

 

 

Die Soka Gakkai (SgI)

der Diskussionsbeitrag eines Außen stehenden

I. der geschichtliche Hintergrund

1. Der Gründer der Soka Gakkai war offenbar ein eigensinniger junger Lehrer. Seine Ideen und sein Unterrichtsstil sorgten für Konflikte mit seinen Kollegen. Er musste mehrfach die Schule wechseln. Um seinen Ideen mehr Rückhalt zu verschaffen, gründete er mit Freunden einen Bildungsverein. Religiös sympathisierte diese Gruppe mit einer kleinen buddhistischen Priesterschaft.

Als in Japan die Faschisten an die Macht kommen, fordern sie als Unterwerfungsgeste den Eid auf den Kaiser als dem höchsten, auch spirituellen Führer. Maiguchi Tsunesaburō und seine Freunde verweigern das Treuegelöbnis. Einundzwanzig von ihnen werden verhaftet. Tsunesaburō stirbt im Knast an den Folgen von Unterernährung.

2. Nach der Niederlage der Faschisten organisiert einer seiner Freunde, Toda Josei, den Neuanfang. Doch er setzt andere Akzente. Jetzt geht es nicht mehr in erster Linie um Fragen der Erziehung, sondern um die Vermittlung religiöser Erfahrungen. Damit ist der Streit mit der Priesterschaft vorprogrammiert. Außerdem besteht der Neubegründer auf eine klare Hierarchie.

Dieses andere Verständnis von Autorität ist umstritten. Trotzdem wird Josei nach heftigen Auseinandersetzungen zum ersten Präsidenten der neubegründeten Soka Gakkai gewählt. Als er 1958 stirbt, flackern die Auseinandersetzungen wieder auf. Erst zwei Jahre später wird sein treuer Schüler, der zweiunddreißigjährige Ikeda, zum neuen Präsidenten gewählt.

3. Von Anfang an steht die Soka Gakkai in Rivalität zu einer anderen buddhistischen Strömung. Doch erlebt sie in diesen Nachkriegsjahrzehnten einen beeindruckenden Mitgliederzuwachs. Sie etabliert sich als eine Art Volkskirche. Das liegt an Joseis Fähigkeit, Balsam für das lädierte japanische Nationalgefühl anzubieten. Er entwirft die Vision von Japan als einem "Buddha-Land". Die mit ihren Expansionsplänen gescheiterte Weltmacht soll jetzt mit der Idee des Buddhismus die Welt erobern. Gleichzeitig hilft die angebotene buddhistische Praxis vielen, aus der depressiven Grundstimmung nach der Niederlage herauszufinden. Dank dieser positiven Impulse und der großen Unterordnungsbereitschaft seiner Menschen erlebt die gekränkte Nation einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. Mit den Jahren bedarf es zu diesem Einsatz gar keiner religiösen Motivation mehr. Auch viele Jugendliche der zweiten und dritten Generation in den Soka Gakkai-Familien betrachten die Gohonzon-Verleihung als religiöse Ab­schieds­veranstaltung. Sie ähneln in diesem Punkt unseren Jugendlichen, die nach der Konfirmation oft nicht mehr am kirchlichen Leben teilnehmen.

(Zu dieser religiösen Tradition siehe Honzon – Wikipedia wo auch die bei der Soka Gakkai übliche Praxis der Gohonzon-Verleihung beschrieben wird.)

4. So viel Erfolg weckt natürlich den Wunsch nach noch mehr Macht. In diesen Nachkriegsjahrzehnten entscheiden nicht selten Wahlempfehlungen der Soka Gakkai, welche Partei in Japan an die Macht kommt.

Warum sich nicht gleich selbst als Partei organisieren? Dass die Führungselite der Soka Gakkai jetzt auch noch auf der Liste der neugegründeten Partei (Komeito) erscheint, provoziert zunehmend Protest. Ikeda ist inzwischen einer der mächtigsten Männer in Japan. Anhänger und Kritiker beurteilen natürlich seine Macht und sein Vermögen unterschiedlich.

Japan wollte nach dem Krieg seinen politischen Neuanfang als weltanschaulich offene Gesellschaft wagen. Jetzt üben religiöse Gruppierungen immer mehr Druck auf die Politiker aus. Als es in den neunziger Jahren in der U-Bahn von Tokyo zu einem Giftanschlag kommt und die AUM-Sekte dafür die Verantwortung übernimmt, wird ein strengeres Vorgehen gegen religiöse Gruppen gefordert.

(Zu dem Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 siehe: Ōmu Shinrikyō– Wikipedia)

Das geplante Gesetz bedroht natürlich auch die Macht der Soka Gakkai. Im Vorfeld der Abstimmung kommt es zu Anschlägen auf verschiedene Abgeordnete. Die Auftraggeber werden nicht ermittelt. Nach endlosen Riva­litäten verstößt die Priesterschaft ihre eigensinnige Laienbewegung.

 

II. Zur religiösen Praxis

5. In ihrem Selbstverständnis beruft sich die Soka Gakkai auf den Budhisten Nichiren (1222 bis 1282). Im Gegensatz zum Namensgeber des Buddhismus, Gautama Buddha, der im 6. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung gelebt hat, politisiert Nichiren die religiöse Praxis.

(Zur Einführung in den Buddhismus siehe: Buddha – Wikipedia)

Nichiren geht es nicht nur um eine Neuordnung der Innenwelt, sondern auch um mitmenschliche, soziale Verantwortung. Seine Kritik an den herrschenden Militärs bringt ihn in den Knast. Er wird zum Tode verurteilt. Dann aber nicht hingerichtet, sondern auf eine unwirtliche Insel verbannt. Mit den unterschiedlichen Überlieferungen vertraut und in Kontakt mit Tantra-Techniken, die auf religiöse Ekstase abzielen, entwirft er eine Neugewichtung des Buddhismus. Im Mittelpunkt steht das Mantra:

" Namu Myōhō Renge Kyō “

Übersetzt: Ich widme mein Leben dem mystischen Gesetz von Ursache und Wirkung.

(Zur Tradition des Mantras in der fernöstlichen Spiritualität siehe: Mantra – Wikipedia)

Mantras gibt es in allen Religionen. Sie erlauben es ihren Nutzern, sich als Teilhaber derselben Wirklichkeit wahrzunehmen. (So habe ich als junger Katholik in Bayern das Mantra "Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen." gelernt.) Während der namensgebende Buddha Einsicht in der stillen Versenkung suchte, entscheidet sich Nichiren, einer der vielen Reformer, für den tantrischen Weg der Erleuchtung. Die Rezitation des Mantras (immer mehr beschleunigt) dient als Brücke in einen ekstatischen Zustand. Die Glückserfahrungen bzw. die Krisen bei dem Versuch, diesen Zustand zu erreichen, sorgen unter den Praktizierenden für ein anrührend menschliches Miteinander.

Die unter dem Titel "Lotos Sutra" gesammelten Lehrsätze aus den verschiedenen Jahrhunderten werden von Nichiren kritisch gewichtet. Nach seiner Meinung genügt es, das 2. und 16. Sutra zu rezitieren, um an der vollen Weisheit des Lotos-Sutra teilzuhaben.

(Zur Entstehung des Lotos-Sutras und der verschiedenen traditionen siehe: Lotos-Sutra – Wikipedia, ein sehr informativer Artikel.)

Die Rezitation soll am Morgen und am Abend erfolgen.

 

III. Einige grundsätzliche Überlegungen

6. In jeder Religion stellen sich folgende Fragen:

Welcher Weg wird als religiöse Erfahrung vorgeschlagen?

Welche Rolle spielt dabei die Lektüre heiliger Schriften?

Geht es in erster Linie um eine innere Erfahrung oder um einen Zustand reflektierter Bewusstheit?

Das erste Ziel kann man über Klang und Beschwörung erreichen. Dabei geht man das Risiko ein, dass es bei "Hokuspokus" bleibt. Dieses Wort stammt aus dem christlichen Kult der Messe. Auf ihrem Höhepunkt werden vom Priester die Worte Jesu: "Das ist mein Leib." wiederholt. In der lateinischen Übersetzung: Hoc est enim corpus meum.

Wenn diese Worte ertönten, wussten die Menschen im Kirchenschiff, jetzt ist der mystische Höhe­punkt der Messe, das Hokus Pokus erreicht. Als Zeichen tiefer Ergriffenheit schlugen sie sich an die Brust.

Wenn in einer Religion das Gespür für den mystischen Hintergrund verlorengeht, wird das beschwörende Mantra zum hohlen Klang. Dann setzt meist eine Gegenbewegung ein, die wieder mehr Bewusstheit einfordert. Indem Luther im Gottesdienst das Deutsch einführte, er­möglichte er den Teilnehmern ein Miterleben in der ihnen vertrauten Sprache. Der Kult wurde neu erlebt, und die Gläubigen fühlten sich als mündige Menschen ernstgenommen. Freilich riskiert man mit einer solchen Übersetzung in die vertraute Sprache des Alltagslebens immer auch eine Entzauberung und Ernüchterung. Vielen Christen wurde mit der Zeit bewusst, wie fremd ihnen weite Teile der Heiligen Schriften inzwischen sind.

Dass unsere Buddhisten in einer ihnen fremden Sprache schanten dürfen, erspart ihnen so manche Ernüchterung. Mit Pathos und Inbrunst vorgetragen hört sich der fremde Text immer gut an. Ins Deutsche übersetzt würde plötzlich die Fremdheit vieler Aussagen bewusst werden.

7. Die monotheistischen Religionen sehen ihren Ursprung in einem Gespräch mit einem persönlichen Gegenüber. In diesem Dialog mit einem Gott hat sich das für den Westen typische Ich-Bewusstsein herausgebildet. Freilich damit auch die Zweifel an einen gerechten Gott als den Urheber der Welt. Der Buddhismus, der dem angenommenen Urgrund kein persönliches Gesicht gibt, zwingt weniger zu kritischen Anfragen. Es ist dem Einzelnen überlassen, wie er sich das mystische Gesetz von Ursache und Wirkung vorstellen soll und will.

8. Das Wort "fanum" war der lateinische Begriff für religiöse Erfahrung. Wir kennen ihn noch aus dem Wort Fanatismus. Jeder religiöse Mensch steht in der Gefahr, zum Fanatiker zu werden. Gerade die Kraft der inneren Überzeugung verführt, Andere notfalls manipulativ oder gewaltsam bekehren zu wollen. Deshalb kann man die Geschichte aller religiösen Bewegungen sowohl unter dem Aspekt des Heils als auch des Unheils thematisieren. Auch der Buddhismus, wo er sich durchgesetzt hat, trägt dieses Zwittergesicht.

Weil durch die Religionen auch so viel Unheil in die Welt gekommen ist, wollten aufgeklärte Menschen eine pro-fane Welt. In ihr sollte das religiöse Leben auf den privaten Bereich beschränkt bleiben. Diese Versuche, die Religionen einzudämmen oder auszuschalten, führten meist ebenfalls zu einem Blutbad.

 

Was lehren uns diese Einsichten?

Sich religiös binden oder doch eher kritisch gegen die Macht religiöser Einrichtungen ankämpfen?

Das muss jeder aus seiner Lebens­situation heraus entscheiden. Die Frommen neigen dazu, ihr religiöses Milieu und dessen Geschichte nur in leuchtenden Farben zu sehen. Das gilt auch für die Selbstdarstellungen der Soka Gakkai. Der Preis solcher Selbstidealisierungen ist, dass die geschichtliche Wirklichkeit nicht oder nur noch verzerrt in den Blick kommt. Was sich meiner Meinung nach erschöpft hat (zumindest für mich Anarchisten), ist der Mythos von der heilenden Kraft großer Männer. Das gilt meiner Meinung nach sowohl für den Heiligen Vater wie für Präsident Ikeda. Es ist eine Illusion, man könne durch Ratschläge von oben, an den Menschen vorbei, die Welt ändern.

Autor: Daniel (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.)

Überarbeitete Fassung 02. Juli 2013

 

 

 


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