User Rating: 0 / 5

Star InactiveStar InactiveStar InactiveStar InactiveStar Inactive
 

Von Scham und Peinlichkeit (1)

 

Sich zu schämen, scheint aus der Mode zu kommen. Mir aber ist es peinlich, wenn einer meiner Freunde in der U-Bahn rumfurzt. Mich quält die Angst, als der Übeltäter verdächtigt zu werden. Meinem Stinker aber macht es nichts aus, ins Zwielicht zu geraten.

 

Offensichtlich sind wir unterschiedlich aufgewachsen. In meinem Elternhaus wurde das Bad nicht abgeschlossen. Dort sah ich Vater und Mutter nackt. Aber wenn ich kacken musste, wollte ich möglichst alleine sein.

 

Scham und Freiheit

 

Unser Schamempfinden bildet sich in frühester Kindheit. Was Kindern als peinlich vermittelt wird, sitzt tief und lässt sich später nur noch schwer korrigieren. Viele werden es sympathisch finden, dass ich sie nicht mit Furzen belästige. Doch hinter meinem rücksichtsvollen Verhalten könnte auch ein Stück gehemmter Spontanität stecken.

 

Wie frei wir wirklich sind, erleben wir in Liebesbeziehungen. Im Stadium des Verliebtseins habe ich mich dem anderen nur frisch geduscht und nett herausgeputzt zugemutet. Aber wenn die Liebe alltäglich wurde, ließ sich so viel angestrengte Selbstdarstellung nicht durchhalten. Wurde es dann nicht peinlich, entstand ein Gefühl von Vertrautheit und nähe. Geteilte Innigkeit verlangt einem Balanceakt zwischen Selbstvertrauen (Ich darf sein wie ich bin!) und Rücksichtnahme.

 

Wie soziale Verhältnisse Intimität nicht aufkommen lassen.

 

Mein Vater war der Anlass, mir über diesen Zusammenhang Gedanken zu machen. Hinfällig geworden, musste er morgens und abends gewaschen werden. Immer öfters nässte er ein. Mir wäre dieser Verlust an Selbständigkeit peinlich gewesen. Aber meinen Vater schien das nicht weiter zu belasten.

 

Er ist in einer oberschlesischen Bergarbeiterfamilie aufgewachsen. Seine Eltern mit ihren vier Kindern mussten mit einer Eineinhalbzimmerwohnung auskommen. Wasser holten sich alle Mietsparteien draußen auf dem Flur. Zur "Notdurft" ging man nach unten in ein Holzhäuschen auf dem Hof. Arm waren dort die meisten Familien und deshalb war Armut keine Schande. Erst wo Wohlstand selbstverständlich wird, muss sich der, der arm bleibt, schämen.

 

Grenzziehung und Scham

 

Auch mein furzender Freund kommt aus einer Arbeiterfamilie. Seit seiner Geburt leidet er an einem Kopfzittern, das unter Stress heftiger wird. Sicher wurde er mehr als seine Geschwister verwöhnt. Mein gewiefter Freund hat das ausgenutzt und sich mit den Jahren immer mehr Freiheiten ergaunert.

 

Ins Fettnäpfchen zu treten, ist für ihn selbstverständlich. Aber selbst die, die peinlich berührt sind, wagen wegen seiner Behinderung nicht aggressiv zu reagieren. Sein Mangel an Takt lässt sich nur auf dem ersten Blick als Ausdruck von Spontanität und Unbeschwertheit missverstehen. Auch Tabus zu missachten, kann zu einem Zwang werden.

Von Scham und Peinlichkeit (1)

 

Sich zu schämen, scheint aus der Mode zu kommen. Mir aber ist es peinlich, wenn einer meiner Freunde in der U-Bahn rumfurzt. Mich quält die Angst, als der Übeltäter verdächtigt zu werden. Meinem Stinker aber macht es nichts aus, ins Zwielicht zu geraten.

Offensichtlich sind wir unterschiedlich aufgewachsen. In meinem Elternhaus wurde das Bad nicht abgeschlossen. Dort sah ich Vater und Mutter nackt. Aber wenn ich kacken musste, wollte ich möglichst alleine sein.

 

Scham und Freiheit

Unser Schamempfinden bildet sich in frühester Kindheit. Was Kindern als peinlich vermittelt wird, sitzt tief und lässt sich später nur noch schwer korrigieren. Viele werden es sympathisch finden, dass ich sie nicht mit Furzen belästige. Doch hinter meinem rücksichtsvollen Verhalten könnte auch ein Stück gehemmter Spontanität stecken.

Wie frei wir wirklich sind, erleben wir in Liebesbeziehungen. Im Stadium des Verliebtseins habe ich mich dem anderen nur frisch geduscht und nett herausgeputzt zugemutet. Aber wenn die Liebe alltäglich wurde, ließ sich so viel angestrengte Selbstdarstellung nicht durchhalten. Wurde es dann nicht peinlich, entstand ein Gefühl von Vertrautheit und nähe. Geteilte Innigkeit verlangt einem Balanceakt zwischen Selbstvertrauen (Ich darf sein wie ich bin!) und Rücksichtnahme.

 

Wie soziale Verhältnisse Intimität nicht aufkommen lassen.

Mein Vater war der Anlass, mir über diesen Zusammenhang Gedanken zu machen. Hinfällig geworden, musste er morgens und abends gewaschen werden. Immer öfters nässte er ein. Mir wäre dieser Verlust an Selbständigkeit peinlich gewesen. Aber meinen Vater schien das nicht weiter zu belasten.

Er ist in einer oberschlesischen Bergarbeiterfamilie aufgewachsen. Seine Eltern mit ihren vier Kindern mussten mit einer Eineinhalbzimmerwohnung auskommen. Wasser holten sich alle Mietsparteien draußen auf dem Flur. Zur "Notdurft" ging man nach unten in ein Holzhäuschen auf dem Hof. Arm waren dort die meisten Familien und deshalb war Armut keine Schande. Erst wo Wohlstand selbstverständlich wird, muss sich der, der arm bleibt, schämen.

 

Grenzziehung und Scham

Auch mein furzender Freund kommt aus einer Arbeiterfamilie. Seit seiner Geburt leidet er an einem Kopfzittern, das unter Stress heftiger wird. Sicher wurde er mehr als seine Geschwister verwöhnt. Mein gewiefter Freund hat das ausgenutzt und sich mit den Jahren immer mehr Freiheiten ergaunert.

Ins Fettnäpfchen zu treten, ist für ihn selbstverständlich. Aber selbst die, die peinlich berührt sind, wagen wegen seiner Behinderung nicht aggressiv zu reagieren. Sein Mangel an Takt lässt sich nur auf dem ersten Blick als Ausdruck von Spontanität und Unbeschwertheit missverstehen. Auch Tabus zu missachten, kann zu einem Zwang werden.

Back to top