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Der Begriff scheint eindeutig zu sein. Das "ich will" kennt jeder und auch die Erfahrung, dass es manchmal recht anstrengend sein kann. Tagtäglich wird uns vieles abverlangt, wozu wir keine große Lust haben. In diesem Fällen hilft die Willensanstrengung über die Runden. Deshalb gilt sie als Tugend, die mir in meiner Erziehung noch vermittelt wurde. Vor willensschwachen Menschen wurde ich gewarnt und wo kämen wir schließlich hin, wenn sich keiner mehr anstrengen würde.

Der zwielichtige Charakter der Willensanstrengung

Doch das Wort macht bereits auf ein Problem aufmerksam. Wer sich zusammenreißt, spannt seine Muskeln an. Bei willensstarken Menschen ist diese Muskelhaltung chronisch geworden und sie wirken nicht selten streng. Vielen ist das peinlich und sie versuchen, durch besondere Herzlichkeit diesen Eindruck auszugleichen.

Für meine Eltern, die sich in Kriegs- und Nachkriegszeit bewähren mussten, waren Willensanstrengung und Selbstdisziplin noch ganz selbstverständliche Haltungen. Ich durfte im beginnenden Wohlstand aufwachsen und begeisterte mich in der Männerbewegung für das Ideal des Softies. Es verlangte einen entspannten und warmherzigen Menschen, der nicht cool wirken sollte. Das fiel nicht immer leicht, besonders wenn ich die Nacht durchgemacht hatte. Das Glück, nicht alleine im Bett gelandet zu sein, erlebte ich dann nicht selten als Stress. Mein Körper wollte sich einfach umdrehen und schlafen. Aber das erschien mir angesichts meines abgeschleppten Gegenübers als rücksichtslos. Selbst als Softie ist man zu einem gewissen Maß an Willensanstrengung verpflichtet.

 

"Ich will nicht mehr!"

Wie der Wille muss auch sein Gegenteil eingeübt werden. Das ist in unserer Kultur, die dem Willen einen so hohen Wert zumisst, nicht gerade einfach. Vielen alten Menschen fällt es schwer, sich mit ihren nachlassenden Kräften anzufreunden. Die Erfahrung, dass sich selbst mit Willensanstrengung vieles nicht mehr erzwingen lässt, tut weh.

Aber auch viele meiner jüngeren Freunde fühlen sich müde und erschöpft. Auch sie quält die Angst, dem Leben nicht mehr gewachsen zu sein. Angestrengt reißen sie sich zusammen, bis sie schließlich in depressiven Stimmungen versacken. Auch sie haben nur unzureichend gelernt, rechtzeitig "ich will nicht mehr" zu sagen.

 

Die ignorierte Atem-Pause

Dass es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt, zeigt die wachsende Zahl von Menschen mit Bluthochdruck. Sie haben gemeinsam, dass sie schon wieder einatmen, bevor sie richtig ausgeatmet haben. Um trotz dieses flachen Atems leistungsfähig zu bleiben, muss ihr Herz verstärkt arbeiten. Aber auch wer gelernt hat, auf Stress "unterkühlt" zu reagieren, hält sein Herz in Anspannung. Irgendwann lassen sich die Herzbeschwerden nicht mehr ignorieren.

Zwischen Aus- und Einatmen liegt die Atem-Pause. In ihr presst das Zwerchfell den letzten Rest verbrauchter Luft aus dem Körper. Kommt es nicht zu diesem intensiven Zusammenziehen der Bauchmuskulatur, dann kann sich auch das dort sitzende vegetative Nervensystem nicht tief entspannen. Der Mensch ist chronisch übererregt.

 

Körperhaltung und Weltbild

In der industriellen Revolution setzt sich das Ideal einer Wirtschaftsweise durch, die am liebsten unentwegt und immer schneller produzieren möchte. Dieser Vorstellung von Produktivität werden Maschinen am ehesten gerecht. Deshalb werden ihnen immer mehr Arbeitsvorgänge übertragen und von den noch Beschäftigten wird ein hohes Maß an Flexibilität verlangt. Setzt sich diese Wirtschaftsweise weltweit durch, dann wird immer mehr Energie benötigt und die begrenzten Ressourcen immer schneller verbraucht.

Eigentlich müsste sich alle Fantasie damit beschäftigen, wie man diesen Bereich der Wirtschaft möglichst klein halten kann. Stattdessen wird immer neues Wirtschaftswachstum gefordert, schon um die ständig freigesetzten Menschen in ein Arbeitsleben zurückholen zu können.

warum wird uns ein solcher Irrsinn politisch verkauft? Weil viele Politiker in ihrer Leiblichkeit diese Beschleunigungsideologie verinnerlicht haben. Wir werden regiert und verwaltet von Arbeitstieren, die unentwegt arbeiten müssen. Natürlich tun sie das nur, um für uns und unsere Kinder die Zukunft zu sichern. Ihr Arbeitswahn lässt ihnen gar keine Muße, um über Alternativen zur Arbeit nachzudenken.

Diese Menschen werden erst dann zur Besinnung kommen, wenn sie in immer mehr Bereichen mit unserem "ich will nicht mehr" konfrontiert sind. Lasst uns das entspannt und nicht verbissen angehen!

Daniel Schneider

www.leiden-schaft.org


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