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OberkoerperEs ist nicht einfach, den Raum des eigenen Herzens auszuloten. Wenn mein Kopf angespannt ist, höre ich in den Ohren seinen Pulsschlag. Manchmal spüre ich, wie meine Schultern auf meinem armen Herzen lasten. Oft habe ich den Wunsch, eine Hand tröstend auf mein wundes Herz zu legen. Ich habe eine innige Beziehung zu meinem Herzen.

 

 

 

 

 

 

Natürlich nehme ich auch wahr, wenn mir etwas auf den Magen schlägt. Oft ist es ein dumpfes Gefühl im Bauch. Manchmal rumort es in meinem Unterleib. Ich erlaube ihm, auf diese Weise Spannungen abzubauen. Manchmal quält mich Kopfweh. Das bereitet mir dann Kopf-Zerbrechen. Wenn ich sanft meine Fingerspitzen an den Rand meiner Stirn lege, spüre ich ein Zu- und Abnehmen. Acht bis zehn Mal in der Minute wird das alte Gehirnwasser entsorgt und durch neues ersetzt. Mehr gibt diese "unheimliche" Wirklichkeit nicht preis, die inzwischen mit Hilfe bildgebender Verfahren anschaulich gemacht wird. Lange haben sich die Neurologen darauf konzentriert, herauszufinden, wo was wie gespeichert wird. Doch die Wissenschaftler mussten einsehen, dass wir nicht allein kopf-gesteuert sind, sondern Denken und Wahrnehmen immer mit unserem ganzen Körper erfolgt.

 

Die Entdeckung der Innenwelt

auf_der_suche_nach_dem_klaren_blickDer Sitz von Gehirn, Herz oder Magen ist den meisten von uns vertraut. Da sich diese Organe in unterschiedlicher Weise mitteilen, sorgen sie für ein facettenreiches Innenleben. Die Gehirnforschung ist sich inzwischen sicher, wo unser Gehirn Erinnerungen abspeichert. Aber wie abstrakt bleibt dieses Wissen verglichen mit dem Vorgang des Erinnerns.

Sobald wir uns erinnern, scheinen wir einen imaginären Innenraum zu betreten. Dort steigen Stimmungen auf. Wie in einem Kino nimmt unser inneres Auge eine Flut von Bildern wahr.

Dass Organe mit inneren Wirklichkeiten korrespondieren, ist bei den Augen am offensichtlichsten. Wir unterscheiden tote und lebendige Augen. Kalte Augen verhindern, in das Herz des anderen zu sehen. Warmherzige Augen ziehen uns an. Auch ängstliche, traurige oder gehetzte Augen geben uns Hinweise auf den Zustand des Anderen.

Solange wir noch damit beschäftigt sind, uns selbst zu entdecken, ist unsere Wahrnehmung getrübt. Oft sehen wir im Außen, was uns selbst zu fehlen scheint. So war ich einmal unsterblich in einen braungebrannten, schwäbischen Lockenkopf verliebt. Erst Jahrzehnte später wurde mir die Zerrissenheit in seinen Augen, die ich damals übersehen habe, bewusst.

Die meisten Augenärzte werden diese Ausführungen belächeln. Ihr Berufszweig hat das Auge entzaubert und ist sich sicher, es damit "objektiv" zu erfassen. Ihr reduzierter Blick erleichtert es ihnen, sich die Not des Patienten vom Leibe zu halten.

 

Herz und Seele

KleidBeide Worte beziehen sich auf dasselbe Organ: jene pulsierende Pumpe in unserer linken Brusthälfte. Gleichzeitig scheint es sich um unterschiedliche Wirklichkeiten zu handeln. Kann das Herz sein Wesen ändern?

Das Herz hat einen Bezug zum Unterleib. Dort wird unsere Nahrung verdaut. Für mich zählen Schweinebraten mit rohen Klößen zu den herzhaften Gerichten. Auch Bohnenkaffee mit Schmalznudeln (die es in meiner Kindheit am Samstagnachmittag gab) habe ich in herzlicher Erinnerung. Offenbar hat das gute Gefühl im Bauch auf das Herz ausgestrahlt. Es gibt eine (satte) Zufriedenheit, an der Bauch wie Herz gleichermaßen beteiligt sind.

Dagegen fällt mir spontan kein Gericht ein, das ich zur Seele in Beziehung setzen könnte. Vielleicht kommen "luftige" Salate oder mein geliebtes Apfelsaftschorle, das ich nicht nur bei Hitze als belebend empfinde, infrage. Wein kann uns seelisch beschwingt machen, während Bier oder Schnaps für eine benommene Trunkenheit sorgen.

Bei der Verwandlung des Herzens in die Seele lockert sich offenbar der Bezug zum Unterleib. Die Brust, wo wir unseren Atem besonders intensiv spüren, bietet unserer Seele kein schlechtes Zuhause. Wenn uns etwas bedrückt, geraten wir in seelische Atemnot. In der Brust spüren wir unser Sehnen und unsere Sehnsüchte besonders intensiv. Werden sie enttäuscht, überfällt uns Schwermut. Das Herz meldet sich zurück und wir leiden an zerbrochenen Herzen. Neidisch fällt unser Blick auf den Luftikus, der noch immer seelisch-beschwingt sein Leben zu genießen versteht.

 

Stationen auf dem Weg der Selbstentdeckung

Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration, die im westlichen Teil Deutschlands aufwachsen durfte. Als Pfadfinder habe ich wandernd oder auf dem Rad meine Heimat entdeckt. Von diesen Eindrücken zehre ich heute noch.

Mit langen Haaren und in hautengen Jeans habe ich mich nicht nur für den Sozialismus, sondern auch für die sexuelle Revolution begeistert. Zahlreiche Körper-Schulen - angefangen mit Feldenkrais nüchternen Übungen über Wilhelm Reichs Bioenergetik bis zu Tantra und ZEN-Yoga - ermöglichten mir ein immer neues Erspüren und Begreifen meiner Leiblichkeit.

Einmal schrieb ich, zurückgekehrt von einem schwulen Sommercamp im Bayrischen Wald, an die Wand meiner Küche: "Ich will groß und stark werden im Begehren und Verlangen und meine Lebensgier nicht halbherzig ausleben."

Die Körperübungen hatten mir geholfen, meine Bescheidenheit zu enttarnen und sie als Ausdruck tiefer Resignation zu sehen. Dank Solcher Erfahrungen verändern sich nicht nur unsere Körper-Haltungen, sondern auch unser Selbst- und Weltbild.

Manches, was ich auf diesem Weg erlebte, hatte über-sinnlichen Charakter. Als kleines Kind entzückte mich eine Marienerscheinung. In einer schweren Krise lehrte mich "Gott" in berührender Weise, meine bisherige Lebensgeschichte neu zu sehen. Auf psychotischen Schub schenkte mir Ein Drogenfreak seine Lederjacke. Auf den Rücken hatte er Phönix, den Feuervogel, gemalt. Der im antiken Griechenland entstandene Mythos erzählt von einem Vogel, der in Flammen aufgeht, um aus der Asche neu aufzuerstehen.

Schon lange vorher war mir das seltsame Ineinander von ekstatischen und traurigen Zuständen in meinem Gefühlshaushalt aufgefallen. Durch mein Psychologiestudium lernte ich, mich als manisch-depressiv einzustufen. Das dort gelehrte Weltbild empfahl mir, meine manische Seite zu vermeiden und gegen meine Depression anzukämpfen. Aber vielleicht verdanke ich meine geistige Wachheit diesen miteinander ringenden Gefühlszuständen?

Leider hat in den letzten Jahren das Vertrauen in Phönix, dem Feuervogel, seine sinnstiftende Kraft verloren. Immer häufiger erlebe ich mich als Wanderer durch eine seelische Wüste. Neuen Mut machte mir Angelus Silesius, dessen "Cherubinischen Wandersmann" ich wiederentdeckt hatte. Besonders sein Vers

"Ich muss noch über (den Mythos) Gott
hin durch die Wüste ziehn."

hat mich tief berührt.

 

Die frag-würdige Herzlichkeit

Meine Mutter versteht es, bei Telefongesprächen immer einen herzlichen Ton anzuschlagen. Mich macht ihr Tonfall oft karg und einsilbig. Ähnliche Aversionen spüre ich, wenn ich Benedikt XVI. zuhöre. Der Heilige Vater spricht "unerbittlich" gütig.

Meine Mutter und der Papst gehören dem Jahrgang 1925 an. Sie haben als junge Menschen den Krieg erlebt. Beide haben mit viel Selbstdisziplin und Willensanstrengung ihr Leben gemeistert. Auch wenn meine Mutter die Männerherrschaft in der katholischen Kirche immer kritisiert hat, wollte auch sie ein guter, hilfsbereiter und warmherziger Mensch sein.

Diese Erziehungsideale galten auch noch in der Nachkriegszeit. So wurden wir Kinder angehalten, zum Abschied die Tanten zu küssen. Mein Onkel Friedrich, der so alt wie meine Mutter ist, hat oft erzählt, wie sehr er als Junge unter dieser verordneten Herzlichkeit gelitten hat. Ich habe ihn öfters weinen gesehen und deshalb wird er nicht aus Gefühlskälte Widerstand geleistet haben. Heutigen Kindern werden solche Küsse nur noch selten abverlangt. Wenn meine Enkel meine Nähe suchen, dann hoffentlich aus einem inneren Bedürfnis.

 

Das Entstehen von Innigkeit

mit_elternMeine Mutter musste als Zehnjährige wegen eines Augenleidens in die Kinderklinik nach München. Es müssen traumatische Wochen gewesen sein. Von dort kam sie "geläutert" zurück. Brav aß sie jetzt alles, was auf den Tisch kam. Ihre jüngere Schwester verhielt sich weiter geschmäcklerisch. Das ärgerte ihren Vater, der während des ersten Weltkriegs oft gehungert hatte. Elisabeth wurde zur Strafe in den Keller gesperrt, aus dem sie dann meine Mutter befreite.

Frühes Leid kann ein Kind alt-klug machen. Es ist bereiter, ideales Verhalten an den Tag zu legen. Damit verzichtet es auf ein Stück Unbeschwertheit.

Auch die Schwester meiner Mutter hat sich vielfältig bewährt, versteht es aber ihren Lebensabend mehr zu genießen. Im Telefongespräch mit ihr fällt es mir leichter, mich unverkrampft zu äußern.

 

Die Beschränktheit des Herzens

Mein Vater hatte ein weiches und gutes Herz. Schon als Kind brachte er im Winter seinen lungenkranken Vater auf einem Schlitten zur Zeche, da dieser den Weg zu Fuß nicht mehr schaffte. Auch als Erwachsener ließ er sich von Leid anderer anrühren und half, wo er nur konnte. Er betete selbst für die Toten, die ihm zu Lebzeiten übel mitgespielt hatten. Im Ruhestand entwickelte er eine Leidenschaft für Fernsehkrimis. Fasziniert verfolgte er, was ihm zutiefst fremd war: die Welt des Abgründigen und Bösen.

Mir hat er in meiner Kindheit ein tiefes Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Wenn es mir später schlecht ging, habe ich oft verzweifelt nach ihm geschrien. Er hat mir nie Vorwürfe gemacht, obwohl ihm mein Lebensweg fremd geblieben ist.

 

Die Konfrontation mit dem Abgrund

Ich habe einen guten Freund, dessen Hilfsbereitschaft ich sehr schätze. Er war als Junge einer meiner Pfadfinder. Ich erinnere mich an seinen Liebreiz und seinen Witz, aber auch an zahlreiche Auseinandersetzungen. Sehr schnell fühlte er sich ungerecht behandelt und beschwerte sich, zu kurz zu kommen. Wenn er dann heftig erregt war, konnte man mit ihm nicht mehr sprechen.

Er war der Älteste von fünf Kindern. Kurz nachdem sie in ein neugebautes Haus eingezogen waren, starb sein Vater an Krebs. Damals war er achtzehn Jahre alt. Wir sind uns erst Jahrzehnte später wiederbegegnet. Jetzt war er selbst Vater von drei Kindern, die inzwischen alle geheiratet haben. Natürlich hat auch er sich ein Haus gebaut. Von seiner schweren Alkoholkrankheit erfuhr ich eher zufällig. Er ist schon lange trocken, aber durch den Entzug muss sich sein Wesen stark verändert haben. Jedenfalls erzählt mir seine Frau, dass sie ihn viel fröhlicher und überschwänglicher in Erinnerung hat.

Ich bin ein Asket und war durch Drogen nie gefährdet. Ich bin ihnen schon körperlich nicht gewachsen. Wenn ich ab und zu kiffe, spüre ich sofort die Verspannungen in meinen Schultern. Es dauert eine ganze Weile, bis mir die Überwältigung durch die Droge keine Angst mehr bereitet. Dann aber fördert sie eine schöne Unbeschwertheit zutage, die ich im Alltag oft schmerzhaft vermisse. Der Preis für dieses Glück scheint ein Ich-Verlust zu sein, den ich als Kopfmensch nur ungern in Kauf nehme. Bekifft quält mich die Angst, nach diesem Höhenflug vielleicht zerschmettert aufzuwachen.

Obwohl ich kein stabiles Selbstvertrauen besitze, wage ich mich auf das Meer meiner Seele. Mir ist das Wagnis, dabei unterzugehen, bewusst. Aber ohne die Konfrontation mit dem Abgrund, die leidvoll ist, wird man kein leidenschaftlicher Mensch.

Mein hilfsbereiter Freund hat nach seinem in der Sucht erlebten Scheitern beschlossen, kein Risiko mehr einzugehen. So ist er ein herzensguter Mensch, dem aber alles Seelische seltsam fremd bleibt und der gefährdeten Menschen oft recht streng begegnet.


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