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FaceDiese Zeilen schreibe ich mit gebrochenen Herzen. Der Grund ist schnell erzählt. Meine Zwillinge, deren Opa ich bin, sollten zusammen mit ihrem Vater bei mir zehn Tage wohnen. (Ihre Mutter musste in dieser Zeit arbeiten.) Da drei Wochen vorher mein Vater gestorben war, habe ich mich auf dieses Zusammensein besonders gefreut.

Aber Benedikt und Julian schliefen die erste Nacht bei ihrer türkischen Oma. Ich nahm an, auf ihren Wunsch hin. Am Spätnachmittag des zweiten Tages rief ihr Vater an. Sie seien jetzt an einem Wasserspielplatz am Prenzelberg und von dort seien es nur drei S-Bahn-Stationen bis zur Wohnung seiner Eltern. Diesmal bestand ich darauf, dass sie hierher kommen. Es folgten zwei sonnige, vergnügte Tage.

Samstagmorgen regnete es in Strömen. T. (der Vater) führte ein Telefongespräch in Türkisch. Nach dem Einkauf kündigte er an, am Nachmittag mit seinen Jungen wieder zur Papanne (seiner Mutter) überzuwechseln. Da sein jüngster Bruder und seine Freundin die Kinder nur am Wochenende sehen können, nahm ich diese Entscheidung hin.

Montagnachmittag rief T. gegen fünf Uhr an. Die Kinder seien eben erst aus dem Mittagsschlaf erwacht. Seine Stimme verriet, dass er (wieder einmal) getrunken hatte. Samstag hatte ich beim Aufräumen der Wohnung drei leere Bierflaschen und eine leere Flasche Wein entdeckt. Sonntagabend war die Mutter der Kinder aus Hamburg zurückgekehrt. Sie wollte ihre Jungen sehen. Als sie kurz nach mir anrief, bekam sie ebenfalls seinen Zustand mit. Da sie mit einer alkoholkranken Mutter aufwachsen musste, machen ihr solche Situationen mit Recht Angst. Sie weiß aber, dass angetrunkene nicht ansprechbar sind. Deshalb holte sie ohne Kommentar Benedikt und Julian ab und brachte sie zu mir. Gemeinsam warteten wir auf den Vater.

Überraschend erschien seine Mutter. Sie fürchtete, dass ihr Sohn bei Kritik völlig ausrasten würde. Er hatte sich an diesem Nachmittag mit seinem Vater furchtbar gestritten. Da sie nur unzureichend Deutsch spricht, hatte sie ihren jüngsten Sohn alarmiert. Der kam und musste, da er noch mit dem Geschäftsauto unterwegs war, nach einer halben Stunde wieder aufbrechen.

Die Mutter putzte den Jungen die Zähne. Wir machten das Bett für die Nacht fertig. Endlich erschien der Vater. Im Flur versuchte er, mich zu umarmen und zu küssen. Ich blieb kühl. Als er die beiden Frauen sah, geriet er in Wut. Er sei es leid, kontrolliert zu werden. Sein Hass erschreckte mich. Fluchend rannte er aus der Wohnung.

Seine Jungen schrien. Wir waren ratlos. Die Mutter musste am nächsten Morgen wieder arbeiten. Ich hatte die Kinder noch nie alleine gehabt. Sie waren aufgewühlt und schwer zu beruhigen. Seufzend stimmte ich zu, dass sie wieder zur Oma gebracht wurden. Kaum waren sie fort, tauchte ihr Vater wieder auf. Er suchte seine Gürteltasche. Wie sich am nächsten Morgen herausstellte, hatte er sie in seiner Wut in das kleine Zimmer geworfen. Wieder wollte er mich umarmen und küssen. Ich stieß ihn zurück. Tobend rannte er nach draußen.

 

Außer mir

Plötzlich war es sehr still in der Wohnung. Zusammengesunken saß ich am Bettrand. Ich hatte nicht mehr die Kraft, mich aufzurichten. Ein so schöner Traum, auf den ich nach Vaters Tod hingelebt habe, hatte mit einem furchtbaren Scherbenhaufen geendet.

Ich werde in dieser Nacht vielleicht zwei Stunden geschlafen haben. Unendlich viele Bilder aus meiner Zeit mit T. zogen vor meinem inneren Auge vorüber. Noch nie zuvor habe ich so viel geweint und so viel Einsamkeit, Kälte und Verzweiflung durchleben müssen. aber noch nie war ich so oft umarmt und geküsst worden wie in diesen sechs Jahren. Manchmal verschwand T. und meldete sich tagelang nicht. Einmal wachte ich nach Mitternacht mit einer maßlosen Wut auf. Ich rief bei seinen Eltern an. Sein jüngerer Bruder war am Telefon. Außer mir drohte ich an, dass ich T. bei seiner Rückkehr zusammenschlagen werde. Als er zwei Tage später kam, war ich schon wieder versöhnlich gestimmt. Er teilte mir mit, dass er sich das nicht bieten lasse und er wieder bei seinen Eltern wohnen werde.

Am Morgen dieser bedrückenden Nacht erschien T. erneut, um noch einmal nach seiner Gürteltasche zu suchen. Ich schrie gellend: "Raus! Du hast mich missbraucht. Ich schlage Dich tot, Du Arschloch!"Er schrie zurück und machte sich aus dem Staub. Mein Schrei muss im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Minuten später klopfte es an meiner Tür. Meine Nachbarin quälte die Angst, T. hätte mich zusammengeschlagen. Ich war noch immer außer mir. Meine Brust zitterte, mein Atem ging heftig. Hoffentlich gelingt mir endlich der Schritt in die seelische Unabhängigkeit von T.. Ich werde mit ihm erst wieder sprechen, wenn er sich in einer Klinik seiner schweren Suchterkrankung gestellt hat.

 

Mitten durch Dein Herz

Noch immer kommt mir meine linke Körperseite doppelt so groß vor wie die rechte. So sehr leidet mein Herz an dieser neuen Enttäuschung. Eine ZEN-Geschichte, die ich vor über 35 Jahren entdeckte, hat sich mir tief eingeprägt.

Ein Mensch, der sich auf den Weg der Erleuchtung gemacht hatte,

traf mitten in den Bergen einen alten Weisen.

Er sah zurück auf den unendlich langen Weg, der hinter ihm lag,

und auf den unendlich langen Weg vor ihm, und er fragte:

„Meister! Warum ist der Weg der Erleuchtung so lang?“

Lächelnd antwortete der Meister:

“Weil er mitten durch Dein Herz geht.“

Diesen Weg beginnen wir bereits im Mutterleib. Wahrscheinlich habe ich schon als Embryo gespürt, welcher Druck auf meiner schwangeren Mutter lastete. Bei der Zehnjährigen hatten Ärzte ein Augenleiden entdeckt, konnten es aber nicht heilen. Sie wird in den Jahren nach meiner Geburt erblinden.

Meine Mutter war eine ungewöhnlich schöne, junge Frau. Sie hatte mich nicht stillen können und vielleicht machte mir deshalb ihr großer Busen Angst. Auch die Katastrophe, die sich in ihren Augen abspielte, nahm ich als Kind wahr. Mein Herz musste wachsen, um mit so vielen quälenden Eindrücken zurechtzukommen. Auf dem Gymnasium wurde vom Arzt des Gesundheitsamtes bei mir ein „Sportlerherz“ festgestellt.

Ich wagte als Kind nicht, mich meiner viel bewunderten Mutter zu entziehen. Wenn sie rief, kam ich. Aber mein Herz sehnte sich nach unbeschwerteren Welten. Mein damaliges religiöses Leben erscheint mir im Rückblick wie ein einziger Rauschzustand. Auch mein Vater verstand es, seine Frömmigkeit innig auszukosten. Er hatte ein weiches und gutes Herz, aber auch einen gewaltigen Dickkopf. Ihm verdanke ich es, dass ich mich als Kind sicher und geborgen gefühlt habe.

Wer sich als Kind in eine Traumwelt retten muss, bleibt sich in vielem fremd. Als frommer Junge ging ich beichten und bekannte das im Beichtspiegel erwähnte Laster der Selbstbefleckung. Es war mir so fremd wie mein eigener Körper. Mich musste bei der Musterung der Arzt darauf hinweisen, dass sich die Vorhaut zurückziehen lässt.

 

Wenn dich Dein Herz anklagt

Erst als ich meine Kleinstadt mit ihrer Geborgenheit und meinen Pflichten hinter mich ließ, bekam ich mich selbst besser in den Blick. Im fernen Münster, in einem Schwimmbad, entdeckte ich unter dem warmen Strahl der Dusche das feuchte Vergnügen der Selbstbefriedigung. Ostern 1968 kam ich nach Westberlin und in eine Welt des Aufruhrs. Geahnt hatte ich schon länger, schwul zu sein. Hier, in der gerade entstehenden Schwulenbewegung, machten wir uns gegenseitig Mut, unsere Veranlagung zu leben. Die meisten studierten und waren in der schwulen Sub mit ihren Kneipen, Saunen, Parks und Toiletten nicht gerade glücklich. Auch mich stieß der Klappengänger ab, der an der Pissrinne oder in stinkenden Kabinen Sex suchte. Als ich Jahre später selbst klappensüchtig wurde, protestierte mein Herz heftig. Es war keineswegs mein triebhafter Unterleib, der gegen mein Herz aufbegehrte. Ich war und blieb ein Kopfmensch und Asket. Aber nur in diesem Zwielicht wagte ich, die Augen zuzumachen und loszulassen. Ausgerechnet hier fand ich jenes erlösende Vergessen, von dem ich in meinen Freundschaftsversuchen träumte.

Unglücklich und voller Schuldgefühle flog ich April 1978 mit einem Freund nach Mallorca. In einem stillgelegten Bauernhof in den Bergen ließ ich mich auf das „Automatische Schreiben „ ein. Wirklich begann nach drei Tagen meine rechte Hand zu schreiben. Bald meldeten sich Stimmen direkt zu Wort. Eine von ihnen erzählte mir mein bisheriges Leben. Sie kannte offenbar mein Scheitern als Liebhaber. Sie wusste von den vielen Körben, die ich mir bei der Jagd nach Zuneigung eingehandelt hatte. Sie wusste, wie sehr mein Herz unter meiner Klappensucht litt und dass ich sie trotzdem nicht loswurde. Sie hatte meine Scham und meine vielen Tränen miterlebt. Aber all diese peinlichen Geschichten erzählte sie mit einer so berührenden Anteilnahme, dass mir die Tränen kamen. Der Satz des berühmten Kirchenvaters Augustin fiel mir ein: “Wenn Dich Dein Herz anklagt, Gott ist größer als Dein Herz!“

 

Ein (fast) zerbrochenes Herz

Dieser tröstenden Begegnung auf Mallorca folgte ein Jahr, das nicht nur meine Eltern in Angst und Schrecken versetzte. Mehrmals wurde ich verhaftet und einmal in die Psychiatrie eingewiesen. Für meine Umwelt war ich auf Psychose, aber mir machte dieses verrückte Leben Spaß. Überdreht begann ich im Sommer 1979, ein Buch zu schreiben. Ich erinnerte mich, wie ich, gebannt von dem Meer brennender Kerzen vor dem Maialtar in der Georgskirche, träumte. Daran knüpfte Mein „Hausaltar“ in meiner ersten Wohngemeinschaft in der Bundesallee an. Er bestand aus einem rot gestrichenen Podest. Hier endete ein silberner Baldachin aus Alu-Folie. Oberhalb der vielen Kerzen hing ein Heiliger Geist. Er bestand aus einer geschnitzten Taube, die silbern angemalt war, und einem goldenen Strahlenkranz. Wenn wir die vielen Kerzen anzündeten, schien er in dem Flammenmeer zu schweben.

Hier traf sich bei Tee und Plätzchen die Donnerstaggruppe. Einige von ihnen, von denen ich in meinem Buch erzähle, sind bereits tot. Mancher starb mit gebrochenem Herzen. Wehmütig erinnere ich mich an Horst, der wie ich einmal Priester werden wollte und in der Liebe auch nicht sehr erfolgreich war. Er schrieb kraftvolle Gedichte und sicher kannte er Andreas Gryphius Gedicht, das dieser in den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hatte.

 

Mein Abendopfer ist ein Lied,

das Dir zu danken sich bemüht.

Die Brust entzündet Andachtskerzen.

 

Herr Mache die Verheißung wahr

und heile die zerbrochenen Herzen.“

 

Mein Buch „Florian- die Geschichte eines (fast) zerbrochenen Herzens“ fängt mit Worten und Bildern die Stimmung dieser bewegten Jahre ein. Aber nicht nur meinen Vater werden die dort abgebildeten erigierten Schwänze abgestoßen haben. Einmal äußerte meine Mutter am Telefon: „Jetzt begreife ich erst, warum Du so verwahrlost bist.“

 

The mourning of my life

Wenn ich ab und zu über mein “Zigeunerleben” nachdenke, quält mich manchmal die Angst, vielleicht doch den Sinn meines Lebens verfehlt zu haben. Meine Eltern haben ihr Leben mit Selbstdisziplin und Willensanstrengung gemeistert und das hat sich in diesen Wohlstandsjahrzehnten ausgezahlt. Ich habe die materielle Seite des Lebens nie wirklich ernst genommen. Ich kam mit wenig Geld aus, das ich aber leider selten selbst verdient habe. Es war mir sogar möglich, andere an meinem „Reichtum“ teilhaben zu lassen. Wie meine Mutter habe ich mit dem Schicksal meiner Erblindung nicht gehadert. Selbst als Blinder wagte ich mich weiter in die schwule Rauschwelt, was mir viel Respekt einbrachte. Wenn ich sonntagmorgens die Kneipe verließ und die Strahlen der aufgehenden Sonne spürte, sang ich oft: “That`s the mourning of my life“. Ich machte meinem Körper, der seine Nachtseite leben wollte, keine Vorwürfe mehr. Aber meist war mein Herz erleichtert, dass wir uns wieder alleine auf den Heimweg machten.

In dieser Zeit scheinbarer Ausgeglichenheit trat T. in mein Leben. Er hatte mein Zimmerangebot entdeckt. Dass er nicht schwul war, empfand ich als angenehm. Dass er uns Schwule um unsere vielen Sexmöglichkeiten beneidete, gestand er mir später. Er war gerade dabei, sein Abitur auf dem 2. Bildungsweg zu beenden. Es freute mich, endlich wieder einmal helfen zu können. Vor über zwanzig Jahren hatte ich einen Türkischkurs belegt, musste ihn aber wegen meiner schlechten Augen abbrechen. Jetzt bekam ich durch einen realen Türken noch einmal eine Chance.

Dass er ein Chaot war, ließ sich nicht übersehen. Im Nu verwandelte er sein kleines Zimmer in eine Müllhalde. Selbst die für das Abitur benötigten Unterlagen musste er in diesem Durcheinander stundenlang suchen. Aber seine nicht erwarteten Umarmungen und Küsse erlebte ich wie ein unerhofftes Wunder. Dass er meinen wachen Blick lobte, selbst wenn ich ihn kritisierte, hat mich beeindruckt. Ich bin in meinem Leben mit Anerkennung nicht verwöhnt worden. Das alles hat meinem Herzen gutgetan und deshalb nahm ich vieles hin, was schmerzhaft war: sein häufiges Weglaufen, eine plötzliche Kälte. Dazu kam im letzten Jahr seine Spielsucht, die er mir lange verheimlicht hat, bis er in meiner Abwesenheit schamlos mein Konto geplündert hatte.

Im zweiten Jahr unseres Zusammenlebens plante er, nach England zu gehen. Er und seine Freundin hatten beschlossen, sich endgültig zu trennen. Ein scharfes Thai-Essen machte beiden noch einmal Appetit aufeinander. Die Folge waren die Zwillinge und meine Chance, Opa zu werden. Benedikt und Julian sind jetzt drei geworden und mir in diesen Jahren ans Herz gewachsen.

 

Die Wahr-Gabe

In meinen ekstatischen Momenten hat das Leben einen seltsam berührenden Glanz. Aber übermächtig ist immer wieder die Erfahrung abgrundtiefer Traurigkeit. In den letzten Jahren kam mir mein Leben oft vor wie ein Wandern durch die Wüste.

Anfang der achtziger Jahre bin ich einmal in Marokko am Rande der Sahara entlanggewandert. Zurückgekehrt entstand folgendes Gedicht:

Und Apfelblütenschnee im Mai.

Das Herz vereist.

Den nehm ich wahr, den Jäger.

mich, der selbst sich jagt.

 

Die Zeit läuft rückwärts vor.

Der Schaffner ruft Stationen aus.

Er sieht mich an.

sieht er mich denn?

Ich sehe mich

in voller Hass-t.

 

Im Sand die Spur,

die Sonnenlicht einfangen wird,

wenn längst der Augenblick verweht,

wo düster ich den Weg beschritt.

 

Wann geb ich wahr,

auf dass im Sand

die Feuerblume blüht,

die meiner Kälte Flammen setzt

und mich auf Zukunft hin enteist?

 

Sicher ist auch T. schon früh vereist und wie bei mir wird die Not der frühen Jahre eine Rolle gespielt haben. Aber auch wenn wir Opfer waren, müssen wir irgendwann einmal Verantwortung für unsere Kälte übernehmen und uns mit unserem gebrochenen Herzen aussöhnen.


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