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Kindheit und Jugend

reichWilhelm Reich kam 1897 in Galizien in einer jüdischen Familie zur Welt. Sein Vater, den er als jähzornig und unnahbar schildert, betrieb ein großes, landwirtschaftliches Gut. Wenn sie nicht mit ihrem autoritären Vater konfrontiert waren, hatten Wilhelm und sein Bruder ein aufregendes Leben. In den Ställen und Wäldern, auf den Wiesen und Feldern gab es immer Neues zu entdecken. Zeugung und Geburt, aber auch der Tod  waren ganz selbstverständlicher Teil dieses  ländlichen Alltags. Als die Jungen das Schulalter erreicht hatten, wurden sie zuhause von einem Lehrer unterrichtet. Der zwölfjährige Wilhelm entdeckte, dass seine Mutter mit ihm fremdging. Er fühlte sich gleich von zwei geliebten Menschen verraten. Aufgewühlt erzählte Wilhelm dem zurückgekehrten Vater seine Beobachtungen. Der Lehrer wurde gefeuert. In immer neuen Wutausbrüchen beschimpfte der Vater die Mutter und  schlug sie. In ihrer Verzweiflung griff sie zu einer Flasche mit einem ätzenden Reinigungsmittel.  Sie starb qualvoll. 1914,  in einer eisigen Winternacht, provozierte der Vater, der ihren Tod nicht verkraftet hatte, eine schwere Lungenentzündung. Da er sein Sterben fahrlässig herbeigeführt hatte, wurde seinen Söhnen die hohe Lebensversicherung nicht ausgezahlt. Bei Kriegsausbruch meldete sich Reich beim österreichischen Sanitätsdienst. Während des Krieges verwüsteten russische Truppen das väterliche Anwesen.

Ein kreativer Forscher

Nach dem Krieg begann Wilhelm Reich in Wien ein Medizinstudium. Er fühlte sich für den Tod beider Eltern verantwortlich. Dieser Schuldkomplex führte ihn in den Kreis um Sigmund Freud. In einer Therapie gelang es ihm, seine quälenden Erinnerungen zu bearbeiten und seine Depressionen in den Griff zu bekommen.  Gleichzeitig faszinierte den wachen Intellektuellen Freuds Suche nach einem naturwissenschaftlichen Zugang zur menschlichen Psyche.

Zwischen dem kleinen,  in die Jahre gekommenen Freud und dem  jungen Hünen Reich entstand eine besondere Freundschaft. Freud war sich sicher, mit Reich seinen Nachfolger gefunden zu haben. Aber wieder quälte ihn nach kurzer Zeit die Angst, er könne durch einen anderen um den Erfolg seiner wissenschaftlichen Arbeiten gebracht werden.

Freud stand in seinem Denken unter dem Eindruck der bahnbrechenden Entdeckungen der Elektrizität. Analog zur elektrischen Energie ging Freud von einer Lebensenergie aus, die im Laufe der menschlichen Entwicklung durch zahlreiche Widerstände eingeschränkt wird. Diese Widerstände galt es in der Therapie aufzudecken und den Patienten in Kontakt mit seinen verdrängten Erinnerungen zu bringen.

Der leidenschaftliche Reich hatte einen wachen Blick für das Gefühlsleben seiner Patienten. Offenbar half ihnen ein "Charakterpanzer", mit ihren inneren Konflikten fertig zu werden. In der Fähigkeit zur orgastischen Potenz sah Reich ein Zeichen seelischer Gesundheit. Als Freud von Reich das Manuskript "Die Funktion des Orgasmus" überreicht bekam, spürte dieser sofort einen inneren Vorbehalt. Wochenlang ließ er den Text auf seinem Schreibtisch ungelesen liegen. Mit dem offenen Ansprechen sexueller Probleme in seinen Schriften hatte Freud sich viele Feinde gemacht. Sein Verhältnis zur körperlichen Lust war zwiespältig. Solange sein Vater lebte, fühlte er sich verpflichtet, für Nachwuchs zu sorgen. Reichs sexuell freizügiges Leben sah er wie viele ältere Therapeuten kritisch. Diese unterstützten Freuds wachsende Skepsis gegenüber dem "Heißsporn" Reich

Seine These, in der Orgasmusfähigkeit ein Zeichen seelischer Gesundheit zu sehen, löste eine heftige Kontroverse aus. Viele Therapeuten verwiesen auf Neurotiker, deren Potenz keineswegs gestört war. Gleichzeitig empfanden sie sich selbst als seelisch gesund, obwohl es bei so manchem im Bett nicht mehr klappte. Reich sah sich herausgefordert, seine Ansichten weiter zu vertiefen. So fand er heraus, dass die von seinen Kritikern ins Feld geführten "Potenten" oft die Lust als Mittel, aggressive Impulse auszuleben, missbrauchten.

Neurosenverhütung durch politisches Engagement

Noch war in eine Therapie zu gehen das Privileg weniger, finanziell meist besser gestellter Menschen. Reich, der die Ausbildung des psychoanalytischen Nachwuchses übernommen hatte,  wollte zusammen mit seinen Schülern  dieses Angebot auf gesellschaftlich benachteiligte Gruppen ausdehnen. Sie richteten Sexualberatungsstellen ein. Schon bald musste Reich einsehen, dass eher praktische Hilfe als seelische Beratung erwartet wurde. Es ging um sexuelle Aufklärung, Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, aber auch um finanzielle Hilfen für durch Gewalt und Alkohol zerrüttete Familien. In der Konfrontation mit diesem besonderen Personenkreis erweiterte Reich sein Wissen, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in der Leiblichkeit der Betroffenen niederschlagen. War es nicht sinnvoller, für eine andere Gesellschaft zu kämpfen, statt in der bestehenden einen Reparaturdienst einzurichten?

Freud verfolgte Reichs wachsende Politisierung mit Sorge. Er befürchtete noch mehr Widerstand gegen die Psychoanalytische Bewegung. 1930 ging Reich mit seiner Familie nach Berlin, wo mehrere politisierte Kollegen mit Unterstützung der AOK im Arbeiterbezirk Wedding tätig waren. Er trat in die KPD ein. Sein Vortrag "Zum sexuellen Kampf der Jugend" begeisterte vor allem junge Leute. Aufgrund seiner Initiative schlossen  sich alle für eine Sexualreform arbeitenden Gruppen zu einem Dachverband zusammen. 1933 zählte er über 40 000 Mitglieder. In der von seiner Sexpol-Bewegung herausgegebenen Zeitschrift erzählten Arbeiter offen von  ihren Potenzproblemen. Viele kommunistische Funktionäre sahen hier einen Verstoß gegen den proletarischen Heldenmythos. Überzeugt von ihrem Sieg nahmen sie auch Reichs Warnung vor Hitlers großem Talent,  Ressentiments breiter Massen für seine Bewegung zu nutzen, nicht ernst. Sein Buch "Massenpsychologie des Faschismus" erschien 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nazis. Es beginnt mit dem Satz: "Die deutsche Arbeiterbewegung hat eine schwere Niederlage erlitten."

Das wollten gerade zu diesem Zeitpunkt viele kommunistische Kader nicht hören. Sie unterstützten die Entscheidung der Führung der KPD, Reich  wegen parteischädigenden Verhaltens auszuschließen. Dieser war vor den Nationalsozialisten nach Kopenhagen geflüchtet. Freud befürchtete, dass man in Deutschland mit Berufung auf Reichs politisches Engagement die Psychoanalytische Vereinigung verbieten würde. 1934, auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern, wurde auf sein Bestreben der Ausschluss Reichs beschlossen. Er nahm ihn klaglos hin und referierte als Gastdozent über seine Charakteranalyse. Aber dass auch hier keiner seiner Freunde protestiert hatte, muss ihn tief verletzt haben.

Am Rande des Wahnsinns

1934 wurde er aus Dänemark ausgewiesen. Er setzte sein Exil in Oslo fort. 1938 bekam er eine Einreiseerlaubnis für die Vereinigten Staaten. Um sich vor weiteren menschlichen Enttäuschungen zu schützen, zog er sich in das Labor zurück. An die Stelle von Therapie und politischen Engagement trat das naturwissenschaftliche Experiment. Mit Hilfe von Messgeräten wurde das Strömen der Libido aufgezeichnet. Unter dem Mikroskop glaubte Reich, selbst in unbelebter Materie jene "Lebensenergie" nachweisen zu können. Er nannte sie "Orgon", eine Wortverbindung von Orgasmus und Organismus.

Ein einfacher Mensch war er nie gewesen. Jetzt schockierte er mit seiner Rücksichtslosigkeit selbst seine besten Freunde. Er spannte ihnen ihre Freundinnen aus, um - eifersüchtig wie einst sein Vater - jeden ihrer Schritte zu überwachen. Für seine schwierigen Seiten übernahm er kaum Verantwortung. Manchmal sprach er von der Angst, wie sein Vater zu werden. Immer häufiger quälte ihn die Sorge, verrückt zu sein.

Fieberhaft forschte er weiter. Er entwarf einen Orgon-Akkomulator und nutzte ihn zur Bestrahlung von Krebskranken. Auch entwarf er eine "Wettermaschine", die atmosphärische Störungen beheben und Regen herbeizaubern sollte. Viele, die ihn von früher her kannten, hielten ihn inzwischen für verrückt. Neue Menschen konnte er durch seine charmante Ausstrahlung gewinnen, um sie aber kurze Zeit später tief zu verletzen.

Sein Orgon-Kasten, für den er in Zeitschriften warb,  rief die amerikanische Gesundheitsbehörde auf den Plan. Sie warf ihm vor, mit den Ängsten von Krebskranken Geld zu machen. Reich verhielt sich nicht kooperativ. Er ignorierte die Anschreiben. 1956 ordnete die Behörde die Zerstörung der Orgon-Kästen und das Verbrennen seiner Bücher an. Wegen Missachtung des Gerichts wurde Reich zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er starb 1957 in der Haft an Herzversagen.


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