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Bild flickr g c by 2.0
Ich gehöre zum Jahrgang 1944 und besuchte in den sechziger Jahren ein Gymnasium in bayrischen Dinkelsbühl. Einmal lasen wir Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena". An seinen Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ein Satz hat sich mir damals tief eingeprägt: "Wie viele Menschen muss man konsumieren, um das Lied der Liebe singen zu können?" Jetzt Im Rückblick weiß ich, dass ich hier zum ersten Mal meinem Lebensthema begegnet bin.

Ein frommer Junge

Menschenkonsum und Liebe- das passte nicht in mein damaliges Weltbild. Ich war tief religiös und wollte katholischer Priester werden. Mein Glaube gab mir viel Kraft und dem Kirchenjahr mit seinen Gottesdiensten und Festen verdanke ich viele farbige Erinnerungen. Mit Leib und Seele war ich Messdiener. Wenn ich meine Sünden bekannte, schlug ich heftig an meine Brust. Tief berührt empfing ich in der heiligen Kommunion den Leib des Herrn. Alle vier Wochen ging ich beichten. Obwohl ich mir keiner Sünde bewusst war, bekannte ich beim 6. Gebot: "Ich habe Unkeusches getan in Gedanken, Worten und Werken."

Einmal legte ich die Osterbeichte im benachbarten Marienwallfahrtsort Schöneberg ab. Der Kapuzinerpater im Beichtstuhl fragte nach und wollte Genaueres wissen. Ich kam ins Stottern und nach diesem peinlichen Vorfall verzichtete ich in Zukunft auf diese Selbstanklage.

Eine mir noch fremde Wirklichkeit

 Um was geht es beim Laster der Unkeuschheit, grübelte ich. Mehr Wissen erhoffte ich mir von einem kleinen Heft, das am Schriftenstand in der Kirche auslag. "Wer sagt uns die Wahrheit?" stand auf dem Umschlag und der Verfasser war ein Jesuitenpater namens Pereira. Wirklich mehr wusste ich nach seiner Lektüre auch nicht. Genauso fremd blieben mir die Worte meiner Mutter, die sich eines Abends an mein Bett setzte und mich aufklärte.  Was hatte das alles mit der seltsamen Unruhe zu tun, die mich erfasst hatte und immer heftiger umhertrieb?

Eine behütete Kindheit

Ich bin keineswegs verklemmt aufgewachsen. Die Tür zu Klo und Bad war nie abgeschlossen. Von klein auf habe ich meine Eltern auch nackt erlebt. Von Scham war in meiner Erziehung nie die Rede gewesen. Und doch fehlte etwas, was mir allerdings erst als Erwachsener bewusstwurde.

Sicher hat die Atmosphäre in den ersten Lebensjahren in meiner Leiblichkeit ihre Spuren hinterlassen. Meine Mutter war durch die Geburt erschöpft und konnte mich nicht stillen. Aufgrund einer grassierenden Magen-Darm-Grippe bangten meine Eltern Wochenlang um mein Leben. Ich überlebte, bestand aber nur noch aus Haut und Knochen.

Mutter ist in diesen Nachkriegsjahren auch noch erblindet.  Um mich kümmerte sich oft ihre jüngere Schwester, zu der ich ein unbeschwerteres Verhältnis entwickelte als zu meiner Mutter. Meinem Vater verdanke ich ein tiefes Gefühl der Geborgenheit. Er war ein herzensguter Mensch und Mutter seine große Liebe. Aber er war viel zu scheu, um bei der leidgeprüften Frau auf Innigkeit zu drängen. Wir hatten einander lieb, freilich ohne diese Zuneigung körperlich ausdrücken zu können. 

Kein einfaches coming out

Als ich mein schwules coming out wagte, war ich wie mein Vater im Begehren noch ein Analphabet. Im Bett konnte ich nicht wirklich loslassen. Angestrengt bemühte ich mich um den Orgasmus des anderen. Vor Aufregung spritzte ich oft vorzeitig ab und War dann zu müde, den anderen noch befriedigen zu können. Für meine ersten Liebhaber war ich sicher mehr eine Last als eine Lust.

Schnell wurden meine Freundschaftsversuche asexuell oder wir beließen es beim wöchentlichen saturdaynight-Fick nach Essen-Gehen, Kino- und Disko-Besuch.

Rettungsanker Schwulenbewegung

Zu meinem Glück entstand 1970 die homosexuelle Aktion Westberlin. Hier konnte ich mich entspannter einbringen und profilieren als in der meist sprachlosen schwulen Kneipenwelt. Jeden Donnerstagabend trafen wir uns in meiner WG in der Bundesallee zu einem Gesprächskreis. Das Interesse war groß. Aber nach dreiundzwanzig Uhr lichteten sich schnell die Reihen und nicht wenige trieb es zurück in die kurz zuvor noch heftig kritisierte Sub.

Manchmal nahm auch ein Klappengänger teil, ohne seine Erfahrungen allzu offen preiszugeben. Mir war dieser Teil schwulen Lebens ziemlich fremd. Wie konnte man sich inmitten von Mief und Gestanks vergnügen? Auch die Vorstellung, mich an der Pissrinne in eine Reihe einzuordnen und meinen Schwanz hochzumassieren, machte mir Angst. Nicht nur meine religiöse Vergangenheit, auch mein Schönheitssinn und mein Stolz fühlten sich von diesem anrüchigen Milieu abgestoßen.

Auf dem Weg in eine neue Welt

Sommer 1973 nahm mich ein Freund mit in die Vereinigten Staaten. Dass ich drei Monate lang mit wenig Geld durch ein mir fremdes Land zu trampen wagte, beflügelte mein Selbstvertrauen. zurückgekehrt verließ ich meine WG und fand in hinteren Kreuzberg ein neues Zuhause. Im Winter war das Außen Klo oft eingefroren und im Sommer wucherten im Treppenaufgang die Pilze. Ein Promotionsstipendium sicherte mir für drei Jahre ein sorgenfreies Auskommen abseits der akademischen Welt.

Vormittags saß ich nun an meinem Schreibtisch und nachmittags bummelte ich durch die Stadt in Gedanken mit den nächsten Abschnitten meiner Doktorarbeit beschäftigt. Irgendwann bin ich dann doch einmal auf einer dieser Toiletten gelandet. Nach einer Weile empfand ich den Mief sogar als angenehm. Ich schloss die Augen und nuckelte an dem, was mir von rechts wie links durch eines der Löcher zugeschoben wurde.

Ein zügelloses Leben

In dieser Umgebung wagte ich ein verhalten, für das ich mich in jedem Freundschaftsversuch geschämt hätte. Ließ meine Erregung nach, signalisierte ich mit einem vor das Loch geklebten Klopapier mein Desinteresse.

Einmal in dieser Zeit besuchte ich die WISO-Fakultät an der Freien Universität. Hier war ich zwei Jahre lang als Tutor am Institut für Wirtschaftspädagogik angestellt und an der Ausbildung von Berufsschule- und Handelslehrern beteiligt gewesen. Die mir aus dieser Zeit vertrauten Toiletten im Keller hatten sich inzwischen, was die linke Seite betraf, in ein Sexlabyrinth verwandelt. Sämtliche Zwischenwände hatten Löcher und vor den Kabinen standen die Studenten Schlange. Bei dem Gedanken, hier vielleicht einem meiner früheren Studenten einen zu blasen, lief ich schamrot an. Noch hatte sich mein Gewissen nicht völlig mit meiner neuen Triebhaftigkeit angefreundet.

Ich war deshalb fast dankbar, als ich in einer Sommernacht auf der Klappe am Winterfeldplatz von zwei Männern brutal zusammengeschlagen wurde. Endlich war ich von diesem schlimmen Suchttrip runtergeprügelt worden. Aber als ich im Herbst aus meiner fränkischen Heimat zurück war, hing ich schon nach wenigen Tagen wieder auf einer dieser Toiletten herum.

Vom Ringen um ein akzeptables Image

Auch Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt." verschweigt diesen Teil schwulen Lebens nicht. Wir sehen den Hauptdarsteller nach einem kurzen Eheversuch von einem Sextreff zum nächsten hetzen. Viele im Zuschauerraum waren peinlich berührt und befürchteten durch den Film eine Vertiefung der Vorurteile gegenüber Homosexuellen. Es klang nicht sehr überzeugend, was der Titel und so mancher Kommentar im Film nahelegten: die gesellschaftliche Diskriminierung zwinge die Schwulen zu ihrem promiskuitiven Treiben.

die entstehende Schwulenbewegung baute diese These von Schwulen als Opfer weiter aus. Besonders der Hinweis auf Die Männer mit dem Rosa Winkel, die in den Konzentrationslagern umgekommen waren, verhalf ihr zu großen, moralischen Gewicht.

Eine Agitation, die sich auszahlte. Der Westberliner Senat schuf ein Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Dank seiner finanziellen Unterstützung übernahmen die Beratung, die bisher ehrenamtlich erfolgt war, nun bezahlte Kräfte. Immer mehr Aktivisten kämpften für die (moralische) Rehabilitation des Homosexuellen und forderten in allen Bereichen seine rechtliche Gleichstellung. Selbst ein an der Ehe orientiertes Partnerschaftsgesetz konnte durchgesetzt werden, das bis heute freilich nur von einer Minderheit genutzt wird.

Die Szene verändert sich

Ermutigt durch das liberale Klima nutzten "die Opfer" immer dreister öffentliche Räume wie Parks oder Toiletten für ihren Sex. Mit einer Durchlichtung der Grünanlagen und durch immer neue Baumaßnahmen hoffte die Verwaltung, dieses Treiben wieder zurückdrängen zu können. Nach Jahren aufwendiger Investitionen begann man mit der Schließung der ersten Toiletten. Ein Angebot verschwand, das bisher ganz Selbstverständlicher Teil städtischen Leben gewesen war.

Auch den Kneipen machte der neue Trend zu schaffen. Viele gaben, weil die Gäste ausblieben, auf. Einige sicherten sich ein Publikum durch die Einrichtung von Dunkelräumen. Das Schwulenzentrum (SchwuZ) und die Allgemeine Homosexuelle Aktion (AHA) nahmen in ihr Programm Sexparties auf. Auch die Minderheit der an S/M Interessierten schufen sich mit den Bösen Buben und mit Quälgeist ein festes Zuhause. Ein facettenreiches Sexangebot konnte sich etablieren, um das die Schwulen von nicht wenigen Heteros bis heute beneidet werden.

"We are ugly, but we have the music."

Gemessen an den Träumen bei Beginn meines coming outs bin ich immer mehr "verwahrlost". Zu akzeptieren, dass es mein Weg war, um in meinen Körper hineinzufinden und ihn lieb zu gewinnen, fiel mir oft nicht leicht. Nicht selten herrschte auf den Toiletten "Totentanz". So verächtlich sprachen wir Jungen, wenn wieder nur "alte Säcke" herumhingen und die Kabinen blockierten. Oft war ich müde und erschöpft und schaffte trotzdem nicht den Absprung. Dann schmerzte mich die Einsicht, sexsüchtig geworden zu sein. "Du wirst nie mehr einen Freund finden!" schimpfte mein Gewissen und verstärkte meine Schuldgefühle.

Doch oft war es auch aufregend, etwa auf der Klappe im Frankfurter Grüneburgpark. In der Pissrinne lag ein junger Typ mit braungebranntem Oberkörper und in hautengen, verwaschenen Jeans. Ich begriff sofort und rannte zu einem nahegelegenen Imbiss, der GI´s mit Alk versorgte. Ich schüttete ein Bier in mich hinein und rannte zurück und das gleich mehrmals. Es war rauschhaft und fröhlich überdreht zugleich. Wie gerne hätte ich solchen jungenhaften Übermut schon als Jugendlicher kennengelernt.

Ähnlich bewegend war ein Erlebnis auf einer Klappe in Kopenhagen. Ein Typ drängte mich in eine der Kabinen, zerriss mein T-Shirt und biss mich in die Brust. Vor Schmerz schrie ich gellend und er spritzte ab. Als ich mich von dem Schreck erholt hatte, waren alle Gedanken wie weggeblasen und ich erlebte eine beglückende ruhe und Entspanntheit. Vielleicht war es ja wirklich mein Weg, mich der Leidenschaft über den Schmerz zu nähern?

Durch diese Jahrzehnte haben mich Leonard Cohens Songs begleitet. Nur wer das Risiko zu ertrinken eingeht, wird das Meer seiner Seele befahren können, heißt es in seinem Song "Susanna". Ich habe mich auf dieses Abenteuer eingelassen.

Heute Morgen kam im Radio die Nachricht von Leonard Cohens Tod.


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