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"In meiner Familie soll über Geld nie gestritten werden!" Das war meiner Mutter ein Herzensanliegen. Sie wollte mir ähnliche Erfahrungen, wie sie ihre Kindheit verdüstert hatten, ersparen. Es ist ihr gelungen.

 

 

 

In der Ehe ihrer Eltern sorgte Geld regelmäßig für Streit. Dabei war ihr Vater alles andere als ein geiziger Mensch. Aber das Leben hatte ihn schon früh gezwungen, auf jeden Pfennig zu achten. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges musste sein Vater einrücken. Zurückblieb eine Mutter mit neun Kindern. Alois war 15 und der Älteste. Sein Lehrer wollte den begabten Jungen auf ein Lehrerseminar schicken. Jetzt musste er einen "Brotberuf" lernen. Es war die Haarzurichterei.

Aus Frankreich vertriebene Hugenotten hatten sie in unserer Gegend heimisch gemacht. Auch Dürrwangen, wo Großvater aufwuchs, profitierten von dem neuen Erwerbszweig. Das Dorf liegt auf der Frankenalb und die sauren Böden des kleinen Tales lassen sich Landwirtschaftlich nicht nutzen. Alois lernte, Bürsten, Besen und Pinsel herzustellen. Selbst an den Wochenenden war er fleißig. An den Sonntagen versuchte er seine Produkte in den wohlhabenderen Dörfern jenseits des Hesselbergs gegen Essbares einzutauschen.

Auch meine Großmutter kam aus einer kinderreichen Familie. Vierzehnmal war ihre Mutter schwanger. Nur Neun der geborenen werden das Erwachsenenalter erreichen. Nach Wanderjahren hatte die Familie in Dinkelsbühl, der benachbarten Kleinstadt, ein festes Zuhause gefunden. Ein kinderlos gebliebenes Professorenehepaar hätte das bildhübsche Mädchen gerne adoptiert. Als Fanny sich in Alois verliebte, waren ihre Eltern erleichtert. Schließlich besaß er einen Handwerksbetrieb und ein altes Haus in der Wörnitzvorstadt. Das hatte Großvater zu Beginn der zwanziger Jahre gekauft. Jüdische Händler aus Nürnberg und Fürth halfen ihm mit einem Kredit in Goldmark. Sie hatten ihn als gewissenhaften und tüchtigen Arbeiter kennen- und schätzen gelernt. Alois konnte das Darlehen durch die Lieferung von Ware abarbeiten.

Es waren schwierige Jahre. Die maßlosen Reparationsforderungen des Versailler Vertrags setzten die schnell wechselnden Regierungen unter Spardruck. Die Wirtschaft kam nicht in Gang. Das im Umlauf befindliche Geld verlor immer mehr an Wert. Auch Großvaters Lebensversicherung war nur noch ein Stück Papier. Besonders schlimm hatte es die Nachbarn mit ihrer kleinen Molkerei getroffen. Um für das Alter vorzusorgen, hatten sie vor dem Krieg ihr erspartes in Walchenseeaktien angelegt. Die Bank hatte ihnen diese Anlage mit dem Argument, dass Energie immer benötigt wird, als absolut krisensicher verkauft. Jetzt waren sie alt und plötzlich bettelarm. Als Fanny und Alois im August 1924 heirateten, herrschte in Deutschland eine Hyper-Inflation.

Fanny war zwanzig und im Umgang mit Geld nicht sehr erfahren. Jetzt sollte sie einen Haushalt meistern. Auch von der Not in der Nachbarschaft fühlte sie sich angesprochen. Kein Wunder, dass das wöchentliche Haushaltsgeld am Freitag bereits ausgegeben war. Ihr Mann tobte. Schweren Herzens ging r noch einmal an den Kassenschrank. Dieser ewige Streit mit immer neuen gegenseitigen Vorwürfen hat meine Mutter und ihre Schwester schwer belastet.

Auch meine Eltern hatten in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg kaum Geld. Das Haus am Inselweg war überfüllt mit Flüchtlingen. Es muss viele Spannungen gegeben haben. Aber offenbar habe ich schon früh gelernt, mich zurückzuziehen. Denn ich habe an jenes alte Haus, in dem ich immerhin die ersten sechs Jahre meines Lebens verbracht habe, so gut wie keine Erinnerungen. Aber das Geld etwas ganz besonderes ist, habe ich schon früh gespürt.

(Jeder verdankt seinem Herkunftsmilieu prägende Erfahrungen. Sie bestimmen Selbstbild und Weltsicht. Welche Rolle hat in Deiner Familie das Geld gespielt? Wie hat sich das in Deinem Selbstverständnis niedergeschlagen?)


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